Er ist auf ziemlich leisen Sohlen unterwegs, aber sein Fluchtoutfit ist doch eher auffällig: Ein kleines Federknäuel, das es zwar durch den Maschendrahtzaun geschafft hat, aber gegen die überdreht gackernde Alarmanlage eines Hühnergartens hat der kleine Sulmtalerhahn keine Chance. Der Aufruhr wiederum alarmiert Thomas Nowak, der quer über den Hof stapft, um der Aufregung Herr zu werden. Jede Idylle hat so ihre Störenfriede, aber davon lässt sich das Filmteam, das hier am Bauernhof von Nowak im Kamptal am Werk ist, nicht aus dem Konzept bringen.

Die Regisseure Jakob Kubizek und Peter Sihorsch sitzen mit ihren Monitoren unter dem Apfelbaum, während vor der Kamera ein bisschen Frieden, (Experimentier-)Freude, aber sicher kein Eierkuchen entsteht. Im Gegenteil, heute gibt es Milchhaut-Crêpes nach einem Rezept von Harald Irka. Und Fotograf Ingo Pertramer spricht das aus, was sich die Besucherinnen und Besucher beim Setbesuch so denken: „Als Kind Milchhaut zu essen, war echt ein Desaster“. Aber Gourmetkritiker Florian Holzer und Künstler Thomas Nowak schwenken da schon längst professionell die Pfannen.

Milchhaut-Crêpes im Kamptal
Milchhaut-Crêpes im Kamptal
© ORF/Filmproduktion Jenseide/Rosa Knech

Im Jahr 2014 hat sich das Trio Holzer, Nowak und Pertramer mit der Serie „Ochs im Glas“ zum ersten Mal mit der Produktion von Lebensmitteln beschäftigt. Ein ganzer Ochse wurde inklusive Tötung komplett in 1000 Gläser eingekocht. In „Fisch ahoi!“ hat man heimische Alternativen zur globalen Überfischung aufgezeigt.
In „Milch und Honig“ beschäftigen sie sich mit den Schattenseiten der Milchindustrie und der Honigproduktion. In gewohnter Manier setzen sie lange vor dem fertigen Produkt an: „Wir mieten uns eine trächtige Kuh, stellen ein paar Bienenstöcke auf und alles, was da rauskommt, verarbeiten wir vom Anfang bis zum Ende.“ Zugegeben, das klingt einfacher, als es war, wie sie während der Dreharbeiten schilderten: Eine eigene WhatsApp-Gruppe wurde rund um die Geburt von Kalb Nives eingerichtet, immerhin ist das eines der zentralen Elemente der Serie, wie Regisseur Jakob Kubizek erzählt: „Bei der Milch steht ein wahnsinniges Leid dahinter – sowohl in der Großindustrie als auch bei Biobetrieben. Die Kuh ist ein Tier, das funktionieren muss. Und die Kälber, die kommen, das ist das zukünftige Fleisch, denn ohne die Kälber geben die Kühe keinen Tropfen Milch. Viele Leute wissen das gar nicht.“

Milch und Honig: Nives und ihre Mutter Nil
Milch und Honig: Nives und ihre Mutter Nil
© (c) ORF (Rosa Knecht)

Um halb fünf Uhr früh war es dann auch soweit: Biobauer Georg Marksteiner alarmierte die „Neo-Väter“, die gerade noch rechtzeitig zur Geburt eingetroffen sind. Die erste Folge, die ab heute um 23 Uhr in ORF 1 zu sehen ist, steht ganz im Zeichen der Geburt von Nives, die geradezu reflexhaft – nicht nur beim Trio – für glasige Augen sorgen wird, auch, weil die traumatische Trennung von Kalb und Kuh, die in der Milchwirtschaft üblich ist, später noch folgen wird. Für große Augen wird hingegen der finnische Käse Leipäjuusto sorgen, den die kulinarischen Feinspitze mit der sogenannten Kolostralmilch, also der ersten Milch nach dem Kalben, in der Hofküche zaubern. Oder wie es Florian Holzer sagen würde: „Ein Welterfolg wird es nicht werden“.

Neuland in ausgetretenen Pfaden betreten, das ist das Credo von Holzer, Nowak und Pertramer, die sich selbst nicht als Lehrmeister mit erhobenem Zeigefinger, sondern als Lehrlinge sehen, wie es auch Florian Holzer bestätigt: „Seit Ochs im Glas sehe ich jedes Stück Fleisch ganz anders, aber so neu wie in dieser Serie war es für mich noch nie!“ Vielleicht ist das – gepaart mit der kulinarischen Experimentierfreudigkeit – was die Serie ausmacht: Das wissen wollen, das selbst erfahren wollen von Produktionsprozessen, die wir gerne ausklammern und zur Beruhigung mit diversen Gütesiegeln überkleben. „Wer sind wir als Menschen, wenn wir überhaupt keinen Bezug mehr zu dem haben, was wir essen?“, fragen sich nicht nur die beiden Regisseure Jakob Kubizek und Peter Sihorsch.

Wobei in den sechs Folgen nicht nur Milch und Honig verarbeitet werden, sondern auch nach Alternativen gesucht wird: Veganer Parmesan wird ebenso selbst hergestellt wie Mandelmilch, für die man den Nowakschen Mandelbaum im Hühnergarten gerupft hat. Das Gegacker vonseiten der Bewohnerinnen kann man sich lebhaft vorstellen. Viel Lärm um nichts? Ganz im Gegenteil!