Eigentlich möchte man am liebsten wegschauen, wie sie sich winden, taumeln, zusammenkrümmen und irgendwann liegen bleiben, weil sie tot sind. Bienen in einem Reagenzglas, die mit Neonikotinoiden in Kontakt gekommen sind. Und so fair muss man sein: Wären es nicht Bienen, sondern Wanzen, hätten vermutlich die wenigsten Mitleid mit ihnen. Dabei sollte man die Aversion gegen Insekten aller Art vielleicht beiseitelegen, denn die Insekten sind im Ökosystem und nicht zuletzt in der Nahrungsmittelversorgung ein wichtiger Player. In Österreich sind seit 1990 drei Viertel der Insekten verschwunden, so der „Insektenatlas 2020“. Eine Entwicklung, die weltweit zu beobachten ist.

Dass diese Entwicklung ab den 1990ern begann, ist kein Zufall. Zu dieser Zeit wurden in der Agrochemie Neonikotinoide erfunden – eine Gruppe künstlich hergestellter Wirkstoffe der Tabakpflanze. Ziemlich starker Tobak ist auch der Themenschwerpunkt „Pestizide – Profit außer Kontrolle“, der sich heute Abend auf Arte den dramatischen Folgen dieser Neonikotinoide widmet. Eine Spurensuche, die zunächst in Japan beginnt, beim Chemiker Shinzo Kagabu, der den wissenschaftlichen Grundstein für die Neonikotinoide legte.

Das Saatgut wird mit Neonikotinoiden umhüllt und angepflanzt. Wächst die Pflanze, wird es vom Pestizid durchdrungen
Das Saatgut wird mit Neonikotinoiden umhüllt und angepflanzt. Wächst die Pflanze, wird es vom Pestizid durchdrungen
© Squawk

Die Dokumentation verdeutlicht auch das enorme Potenzial, das hier freigelegt wurde: Egal, was an Insekten zur Bedrohung werden könnte, es wird vernichtet. Oder, wie es der Naturschützer Scott Black auf den Punkt bringt: „Das Problem mit Pestiziden ist, dass sie zur Gedankenlosigkeit verführen. Wir müssen uns keine Sorgen mehr machen, welche Insekten hier herumkrabbeln, sie werden alle umgebracht.“

Wer auf Neonikotinoide zurückgreift, der bekommt die Vollversorgung: Das Saatgut wird damit umhüllt und durchdringt die Pflanze während des Wachstums zur Gänze. Neben dem Insektensterben werden Böden und Grundwasser kontaminiert. Die EU hat 2018 die Reißleine gezogen und die Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam im Freiland verboten, aber im Glashaus sind sie weiterhin erlaubt. Mittlerweile wurde auch die Ausnahme für Zuckerrübenbauern nicht mehr verlängert. Was die Doku auch zeigt, ist die enorme Lobbyarbeit, die Großkonzerne wie Bayer, Syngenta oder BASF weltweit leisten, um ihre Produkte anzubringen.

Bei Insekten lohnt sich ein genauer Blick. Viele sind wahre Schönheiten
Bei Insekten lohnt sich ein genauer Blick. Viele sind wahre Schönheiten
© Squawk

Wer jetzt glaubt, dass das Thema Neonikotinoide bei uns gegessen ist, der sollte sich auch die zweite Doku des Abends zu Gemüte führen: Gezeigt wird, dass Neonikotinoide, die auch im Verdacht stehen, das menschliche Nervensystem zu schädigen, von der EU aus in viele Länder exportiert werden, etwa nach Brasilien, Indonesien oder Südafrika. Die Folgen liegen auf der Hand oder, besser gesagt, bei uns auf dem Teller – importiertes Obst und Gemüse, mit Pestiziden verseucht.