Vorhofer-PreisredeWalter Hämmerle: "Die fortgesetzte Selbstentblößung der ÖVP ist kein isoliertes Phänomen"

Walter Hämmerle erhielt den renommierten Kurt-Vorhofer-Preis 2021. Mit dem Robert-Hochner-Preis ausgezeichnet: Puls-4-Journalistin Alexandra Wachter und Ö 1-Wissenschaftsredakteurin Elke Ziegler. Lesen Sie hier Hämmerles Preisrede in voller Länge.

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Bundespräsident Alexander Van der Bellen (rechts) mit Preisträger Walter Hämmerle
Bundespräsident Alexander Van der Bellen (rechts) mit Preisträger Walter Hämmerle © APA/BUNDESHEER/PETER LECHNER
 

Ein gut gelaunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen lud gestern in die Hofburg, um den Vorhofer- und Hochner-Preis zu vergeben und ein Plädoyer für die Meinungs- und Pressefreiheit zu halten. Dafür brauche es auch „den Willen zum unabhängigen und qualitätsvollen Journalismus“, den „Mut“, Interventionen standzuhalten und „ausreichend finanzielle Ressourcen“, erklärte das Staatsoberhaupt. Alle Rednerinnen und Redner betonten vor dem Hintergrund der Inseratenaffäre und frisierten Umfragen die Rolle unabhängiger Medien als vierte Gewalt. „Qualitätsjournalismus war noch nie so wertvoll wie in diesen Zeiten – und noch nie so gefordert“, sagte Eike Kullmann, Vorsitzender der Journalistengewerkschaft in der GPA und forderte die Regierung auf, die Zukunft der „Wiener Zeitung“ zu sichern. Dessen Chefredakteur Walter Hämmerle, darf sich über den Kurt-Vorhofer-Preis freuen. Der 50-Jährige sei, so die Jury, ein „glaubwürdiger Vertreter von Transparenz und Ethik“ und „regierungskritisch, aber nicht regierungsfeindlich“. Seine Preisrede lesen Sie weiter unten.

Der Robert-Hochner-Preis ging ausnahmsweise und coronabedingt an zwei Personen: an die Puls-4-Moderatorin Alexandra Wachter für ihre ausgezeichneten „faktenbasierten und sachlichen Interviews“ sowie an die Ö 1-Wissenschaftsredakteurin Elke Ziegler für ihre Fähigkeit, die oft widersprüchliche Fülle von Informationen „sachgerecht und ausgewogen“ zu vermitteln. Die gebürtige Kärntnerin Ziegler knöpfte sich in ihrer Rede die Emotionalisierung der Politik vor: „Wissenschaft ist kein Schaukampf.“ Und Wachter forderte nach ein paar persönlichen Einblicken, von „einer willkürlichen Inseratenverteilung“, die anfällig für Korruption mache, wegzukommen und eine nach Qualitätskriterien verteilte Medienförderung zu schaffen.

Für die Plädoyers erhielten die Ausgezeichneten jede Menge Applaus von den Vertreterinnen und Vertretern der Medienbranche. Gesichtet wurden u.a. Styria-Vorstandsvorsitzender Markus Mair, der aktuelle ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, der künftige ORF-Chef Roland Weißmann, die Generalsekretärin des Presseclubs Concordia, Daniela Kraus, Verbund-Vorstandsvorsitzender Michael Strugl, die Witwe von Kurt Vorhofer, Kleine-Zeitung-Chefredakteur Hubert Patterer,  und viele mehr.

Wiener Hofburg: Journalistenpreise an drei Unbeugsame verliehen

"Wir müssen den unabhängigen, den kritischen und den qualitätsvollen Journalismus stärken", betonte Bundespräsident Alexander Van der Bellen gestern Abend in der Hofburg

Peter Lechner

Die Politik, appellierte er, müsse die Presse- und Meinungsfreiheit garantieren: "Wenn Sie finden, dass ich etwas gut gemacht habe, sagen Sie das. Wenn Sie finden, dass ich etwas verpfuscht habe, dann werde ich es aushalten, dass Sie es sagen."

Peter Lechner

Gut gelaunt lud das Staatsoperhaupt in die Wiener Hofburg.

Peter Lechner

Geehrt wurden drei unbeugsame Journalistinnen und Journalisten ...

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Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung" erhielt den Kurt-Vorhofer-Preis, der nach dem Innenpolitikjournalist und Leiter der Wiener Redaktion der Kleinen Zeitung benannt ist ...

Peter Lechner

Hier im Bild (von links) mit Eike Kullmann, Van der Bellen, Michael Strugl und Hubert Patterer

Peter Lechner

Die pointierte Rede von Walter Hämmerle können Sie hier nachlesen

Peter Lechner

Der Robert-Hochner-Preis, benannt nach dem ORF-Anchor, geht heuer erstmals an zwei Personen: Puls-4-Journalistin und Moderatorin Alexandra Wachter (zweite von links) sowie Ö 1-Wissenschaftsredakteurin Elke Ziegler

Peter Lechner

"Jeder Eingriff in unsere Freiheit ist der Anfang vom Ende
unserer Republik, wie wir sie kennen", mahnte Wachter in ihrer Dankesrede ein.

Peter Lechner

"Eine Politik, die abweichende Positionen in der Wissenschaft benutzt, um ihre Glaubwürdigkeit insgesamt zu beschädigen, schadet letztendlich jeder modernen Gesellschaft und beraubt sie ihrer Zukunftsfähigkeit", warnte die Ö1-Journalistin in ihrer Rede.

Peter Lechner

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Peter Lechner
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Walter Hämmerles Rede zur Verleihung des Kurt-Vorhofer-Preises 2021 in voller Länge

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Sehr geehrte Festgäste,
Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich werde mich hüten, dem "So sind wir nicht"-Satz des Bundespräsidenten hier zu widersprechen. Allein schon, weil ich beim besten Willen nicht weiß, wie wir wirklich sind. Was ich jedoch weiß, ist, dass Zustände aufrechterhalten werden, obwohl sich niemand, oder jedenfalls niemand offen, für sie ausspricht, dafür alle, die sich zu Wort melden, dagegen protestieren. Das groteske Missverhältnis zwischen einer lächerlichen Medienförderung und einem wahnwitzigen Inseratenvolumen ist so ein Beispiel. Es gibt noch unzählige weitere. Nur der Selbstentblößung der türkisen ÖVP, wie sie in den Chats zutage tritt, verdanken wir, dass diese Unerträglichkeit wieder ein großes Thema ist. Allerdings hat das Reden allein noch selten etwas verändert. Es sind Taten, die zeigen, wie wir sind. Also warten wir besser noch ein wenig ab.

Vor zehn Tagen ist in Österreich schon wieder eine Sonne vom Himmel herabgestürzt. Und wieder stellt sich die Frage, wie es so weit kommen konnte und welche Rolle welche Medien dabei gespielt haben. Doch mit solchen Differenzierungen will sich nicht jeder aufhalten: Es ist angesagt, die etablierten Medien als Handlanger der Mächtigen zu diskreditieren. Auf Twitter, Facebook & Co ist das Urteil über den Journalismus längst gesprochen, und nicht zu seinen Gunsten. "Lügenpresse" ist kein Schlagwort rechter Verschwörungs-theoretiker allein.

Mit Verlaub: Das ist Unsinn, ein gefährlicher noch dazu. Es gibt Journalismus zum Genieren - wieder und immer noch. Trotzdem ist, insgesamt betrachtet, die Qualität heute besser als noch vor 5 Jahren und damals besser als noch vor zehn, von den angeblich "guten alten Zeiten" wollen wir lieber ganz schweigen. Massiv gestiegen ist die finanzielle Macht der öffentlichen Hand über die Medien. Um es marxistisch zu formulieren: In der prekären ökonomischen Produktionsbasis für Qualitätsjournalismus liegt dessen größte Gefahr.

Stefan Zweig hat unter anderen Umständen Folgendes formuliert: "Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoß mit gutem Gefühl die Gegenwart." Kaum ein Medium kann heute sorglos in die Zukunft blicken. Und die Politik kalkuliert, von diesen Sorgen über Umwege zu profitieren. Medien sind stets ein Objekt der Begierde, und Österreich ein kleines Land. Schon allein deshalb kann nicht oft und hart genug über die Qualität des Journalismus gestritten werden. Immerhin: Dass sich mutmaßlich nur ein Medienhaus für schmutzige Deals hergegeben hat, zeigt bis zum Beweis des Gegenteils, dass die große Mehrheit weiß, wo die Roten Linien verlaufen.

Vom Geld ist es ein großer Sprung zur Haltung. Es ist lächerlich Menschen, auch Journalisten, eine Haltung absprechen zu wollen; erstens verfügt hoffentlich jeder über eine, und zweitens hat sich die Idee eines völlig unparteiischen Journalismus längst als Fiktion herausgestellt. Bei der erbitterten Diskussion darum, wie viel Haltung dem Journalismus guttut, geht es eher um die Rolle, die dem Zweifel zukommt: Zweifel gegenüber den eigenen Überzeugungen wie gegenüber denen anderer.

Skeptiker zu sein, ist heute, wo sich immer mehr Menschen nach klaren Fronten sehnen, zunehmend unsexy, vor allem bei Jüngeren und all den Älteren, die noch einmal jung sein wollen. Allein schon die Möglichkeit, dass die Gegenseite vielleicht doch Recht haben könnte, ist hier für viele eine Zumutung. Die wenigsten Überzeugungstäter vertragen Widerrede.

Die Digitalisierung befeuert diese Entwicklung, weil sie neben einer inhaltlichen Homogenisierung auch die Emotionalisierung der Debatten antreibt. Wie so etwas im Endausbau ausschaut, zeigt sich in den USA, wo jedes politische Lager über sein eigenes mediales Paralleluniversum verfügt. Österreich ist vom "amerikanischen Weg" glücklicherweise weit entfernt, obwohl etliche Neugründungen auf diesen Trend setzen. Ich gestehe, dass mir ein anderes Ideal von "Zeitung" vorschwebt, eines, das bewusst die kontroversen Standpunkte zusammenbringt und nüchtern ihre Vor- und Nachteile analysiert.

Teamarbeit ist dabei der Schlüssel. Dass ich heute hier stehe und mit dem Kurt-Vorhofer-Preis ausgezeichnet werde, ist eine Ehre, die zugleich auch der Redaktion der "Wiener Zeitung" gebührt. Wir reden ständig über einzelne Köpfe, dabei sind es die Redaktionen, die tatsächlich unersetzlich sind, wenn es um Qualitätsjournalismus geht. Nicht als eintönige Truppe Gleichgesinnter, sondern als bunt zusammengewürfelter Haufen von neugierigen, besserwisserischen, aber unbedingt team- wie streitfähigen Individualisten, die wissen, dass sie gemeinsam besseren Journalismus machen können.

Diese Idee von Redaktion ist gefährdet. Vor allem durch die unablässige Serie an Sparpaketen, aber auch durch die Illusion, all die digitalen Blogs von Einzelkämpfern, so hervorragenden Journalismus etliche von Ihnen bieten, könnten einen adäquaten Ersatz bereitstellen. Und dann geistert noch die Vorstellung durch einige Verlage, kommerzielle Content-Production sei doch eigentlich auch nur eine Form von Journalismus, nur etwas anders eben. Ein größeres Missverständnis ist kaum vorstellbar.

Meine Damen und Herren, die fortgesetzte Selbstentblößung der ÖVP ist kein isoliertes Phänomen. Die Folgen werden weder auf diese Partei noch auf die Politik beschränkt bleiben. Niemand will allein untergehen. Schon ist der Satz "die Medien sitzen im selben Boot" zu hören. Dem kann nicht laut genug widersprochen werden: Wir sitzen nicht mit der Politik im selben Boot. Allerdings sind Medien wie Politik auf den gleichen Stoff zum Überleben angewiesen: das Grundvertrauen der Menschen, dass wir unsere Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen machen. Ist das zerstört, dann ist unsere wichtigste Geschäftsgrundlage perdu. Wehe uns allen, wenn das geschieht.

Zeit zum Schluss zu kommen. Zuvor aber noch einige Worte zur "Wiener Zeitung": Ich halte, in aller Bescheidenheit, die Redaktion der ältesten noch erscheinenden Tageszeitung der Welt für eine der besten in diesem Land. Trotzdem ist ihre Zukunft ungewiss. Die Republik als Eigentümer weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Eigentum anfangen soll. Die Gefahr einer Einstellung oder jedenfalls eines Umbaus bis zur Unkenntlichkeit ist real.

Das wird es mit mir nicht geben. Gemeinsam mit der Redaktion arbeiten wir und werben für eine bessere Lösung, in deren Zentrum der Journalismus steht – alles andere wäre für ein Haus, das den Namen "Wiener Zeitung" trägt, auch widersinnig. In diesem Land gibt es von vielem genug und von einigem sogar zu viel – Qualitätsjournalismus, wie ihn die "Wiener Zeitung" betreibt, gehört nicht dazu. Die Pläne für den Abbau der Redaktion sind auch keiner unbedingten Notwendigkeit geschuldet. Es gibt Alternativen, eine hat die Redaktion gemeinsam mit dem Cognion Forschungsverbund erarbeitet. Helfen Sie mit, wo immer Sie können, damit der Journalismus der "Wiener Zeitung", der heute von Ihnen ausgezeichnet wird, Zukunft hat.

Nochmals Danke an die Jury, die Stifter des Preises und an Sie fürs Zuhören.

Kommentare (6)
Vordersdorf
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Der Stürmer

Die Titelseite von der Kronenzeitung, heute 19,10,2021, zeigt uns, Julius Streicher
hat sich in unseren Medien durchgesetzt.
Ich hoffe ihr habt dadurch nicht eine neue (alte) Zeit eingeleitet.

Kulak
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Der bettelt doch wirklich um Geld. Würdelos.

Die Wiener Zeitung ist von öffentlichem Geld abhängig und ein Spielball der Parteipolitik. Der hervorragende Chefredakteur Andreas Unterberger musste gehen, weil er den Roten nicht passte.

Seit es dank Internet das Amtsblatt der Wiener Zeitung nicht mehr braucht, hat diese ihre Existenzberechtigung verloren.

migelum
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Liebe Redaktion! Ich freue mich wirklich jedesmal von Herzen, wenn ich unseren HBP sehe,

diesmal gesellte sich auf Ihrem Foto von der Verleihung des nach ihm benannten Preises auch der hochgeschätzte, unvergessene Kurt Vorhofer dazu. Indes: Den jedenfalls an diesem Tag wohl Wichtigsten habt Ihr uns unterschlagen, nämlich den Preisträger selbst! Das hat er nicht verdient, ist ein Manko und möge tunlichst repariert werden, wenn auch wahrscheinlich nicht mehr in der Printausgabe für morgen!
Danke im Vorhinein!

stadtkater
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Das zeigt nur

Den Stellenwert bei solchen Veranstaltungen.

Kleine Zeitung
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Bild

Sehr geehrte(r) migelum,
herzlichen Dank für Ihre kritische Anmerkung. Wir haben das Bild nun geändert.
Mit freundlichen Grüßen aus der Redaktion

migelum
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Danke für die Erledigung ...

... und dann noch so ein nettes Bild!