Filmfestspiele Cannes"Große Freiheit" ist ein intimes, tragisches Knastkammerspiel

Ein schwerkranker Kunstsammler und ein weggesperrter Homosexueller beeindrucken bei den Filmfestspielen in Cannes, wo sich zeigte, das auch Pressekonferenzen berührend sein können.

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Franz Rogowski im Cannes-Beitrag "Große Freiheit", mitfinanziert vom ORF. © Paname Distribution
 

Pressekonferenzen auf Filmfestivals können alles Mögliche sein. Sehr witzig durchaus, manchmal spannend, ja oft leider auch ziemlich nichtssagend – nur bewegend sind sie in der Regel nicht. In Cannes aber gab es diesmal doch einen jener raren Augenblicke: Als sich eine georgische Journalistin zu Wort meldete und von heftigen Übergriffen auf Journalisten und queere Menschen vor wenigen Tagen in ihrem Heimatland berichtete, da wirkten Maggie Gyllenhaal und andere Jury-Mitglieder tatsächlich betroffen.

Im Hinblick darauf, dass Homosexuelle nach wie vor vielerorts verfolgt werden, sind Länder wie Deutschland oder Österreich heutzutage so etwas wie sicherere Inseln. Nur vor wenigen Jahrzehnten war aber auch das noch ganz anders. Bis in die 70er Jahre standen in der Bundesrepublik offiziell sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern unter Strafe; Schwule wurden dafür verurteilt und inhaftiert. Der Grund: Paragraf 175, der erst 1994 ersatzlos gestrichen wurde.

"Große Freiheit"

Sebastian Meises deutsch-österreichische Ko-Produktion "Große Freiheit", die in der Cannes-Nebenreihe "Un certain regard" ihre Premiere feierte, erzählt nun von einem zerstörten Leben im Zeichen dieses Gesetzes. Franz Rogowski verkörpert Hans, der aufgrund seiner Homosexualität nach dem Konzentrationslager 1945 direkt im Gefängnis landet und es in den nächsten Jahrzehnten immer nur kurz wieder verlassen wird. Denn: Er will lieben. Er will Sex. Er ist unermüdlich auf der Suche nach Nähe und nimmt dafür in Kauf wieder und wieder eingesperrt zu werden.

"Große Freiheit" verengt die Perspektive auf seine Lebenswelt und wird so zum tragischen Knastkammerspiel, dass der österreichische Filmemacher mit einer berückenden Intimität inszeniert. Verstärkt wird das noch einmal durch das intensiv vertiefte Spiel von Rogowski und Georg Friedrich als dessen Mit-Insassen, deren unwahrscheinliche Freundschaft mehr und mehr ins Zentrum rückt. So unwahrscheinlich die Verbindung zu dem verurteilten Mörder erscheint, so glaubwürdig innig wird sie über die vielen Jahre in der Enge ihrer Zellen. Als Hans zum Ende in den 70ern plötzlich entlassen wird und das Ausleben seiner Sexualität nicht mehr unter Strafe steht, ist es längst zu spät für ihn. Im Leben in der großen, neuen Freiheit, kann er nicht mehr Fuß fassen. Daher gibt es für ihn nur eine Möglichkeit, nur einen Weg.

"Tout s‘est bien passé"

Auch im Wettbewerbsfilm "Tout s‘est bien passé" von François Ozon sieht der schwerkranke Kunstsammler (André Dussollier) nach einem Schlaganfall nur einen Ausweg: Er will sein Leben beenden und konfrontiert seine beiden Töchter mit dem Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. Ozon ("Frantz"), dessen Kinoschaffen zwischen unterschiedlichsten Genres springt, sucht dabei einen etwas anderen Zugang zu diesem komplexen Thema. Ohne den Ernst dieser Situation aus den Augen zu verlieren, bringt er es – basierend auf den Erinnerungen von Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim – mit unerwarteter Leichtfüßigkeit und viel Humor nahe.

Für die komischen Momente dabei sorgt vor allem der französische Schauspiel-Veteran Dussollier. Erzählt wird von diesem schwierigen Weg zum geplanten Lebensende allerdings aus Sicht von Sophie Marceau als Tochter, der hier endlich mal wieder zurecht eine vielschichtigere Rolle zugetraut wird. Unterhaltsam ist das, bewegend, Gedanken anregend – auch wenn es für die Goldene Palme wohl eher nicht reichen wird.

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