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Chronik des HassesDeswegen gehen wir jetzt noch härter gegen Hasskommentare vor

Eine Chronologie über die Wellen des Hasses im Netz, oft parallel zu den Wellen der Pandemie. Jene, die den Diskurs bewusst mit Hass und Falschinformationen vergiften, um ihre eigene Agenda durchzusetzen, sind die laute Minderheit.

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März 2020. Lockdown Nummer 1. In unseren Kommentarspalten auf Facebook merkt man die Verunsicherung der Bevölkerung, den unglaublichen Diskussions- und Informationsbedarf. Ebenso groß beim Großteil unserer User das Bestreben, sich strikt an die eingeführten Beschränkungen zu halten und immer auf dem neuesten Stand der Maßnahmen zu sein. Wir merken damals zum ersten Mal, wie rasant die Anzahl der Kommentare besonders auf unseren Facebook-Kanälen zunimmt. Damals noch, so schien es, aus einem großen Bedürfnis nach Austausch und Informationen. Seitdem haben wir alle gemerkt, wie das Klima in den Kommentarspalten der sozialen Medien gekippt ist. Wir sind ehrlich: Wir haben mittlerweile ein Problem mit Hassrede und Fake News auf unseren eigenen Plattformen. Der Ton wird zunehmend grausam und es fällt uns immer schwerer, Diskussionen in konstruktive Bahnen zu lenken. Es wird beleidigt, gepöbelt und gehetzt.

Foto © Telegram

Mai 2020. Wir stellen fest, dass es mittlerweile eine große Zahl von Usern gibt, die auf unseren Kanälen nicht nur andere attackieren und beleidigen, wenn sie einer anderen Meinung sind, nein, sie teilen immer wieder und wieder Inhalte zum Coronavirus, die jeglichem wissenschaftlichen Konsens entgegen stehen und längst widerlegt sind. Unsere Recherchen bringen uns auf mehrere Telegramgruppen von Martin Rutter und einem Matthias S., der sich als „Der Kommandant“ bezeichnet. In diesen Telegramgruppen werden gezielt Falschinformationen an Bürger verteilt, die den Corona-Maßnahmen kritisch gegenüberstehen. „Blitzaktion gegen Coronalügner“ nennt sich eine dieser Gruppen, in der gegen „die Lügenpresse“ mobilisiert wird. Ein Begriff geprägt in der NS-Zeit. Martin Rutter und „der Kommandant“ senden gezielt Links zu Facebookbeiträgen von uns und anderen Medien in die Gruppe und rufen ihre Mitglieder dazu auf unter unseren Beiträgen zu spammen. Es werden gefälschte Quellen geteilt, die täuschend echt aussehen und dann im Schoße unseres Community Management Teams enden, das die Quellen auf Richtigkeit überprüft und im Zweifel löscht.

Juli 2020. Über den Sommer entspannt sich die Lage. Unsere Kommentarkurve bewegt sich parallel zur Coronakurve abwärts, es scheint etwas Ruhe einzukehren.

Oktober 2020. Eng verzahnt steigen beide Kurven rasant wieder an. Wir bemerken, dass sich die User, die sich einfach nur austauschen möchten, schon gar nicht mehr versuchen auf unserer Facebook-Seite eine gesittete Diskussion zu beginnen. Übrig bleiben an vielen Stellen jene, die sich nicht an unsere Regeln halten wollen und wir werden abermals von der Flut der Kommentare überrollt. Wir stocken unsere Ressourcen fürs Beantworten und Löschen von Kommentaren auf. Neun junge Menschen unterstützen uns nun in Teilzeit.

Wir haben waren live auf Instagram mit der Antidiskriminierungsstelle und zwei Österreichischen Influencer:innen. Im Gespräch berichten sie über Hasskommentare, Fatshaming und einen homophoben Angriff, der sich offline abspielte. Auch Kleine Zeitung Moderatorin Marion Mayr begann bei uns als Community Managerin und damit tief im Thema. 

Februar 2021. Corona feiert das einjährige Jubiläum seiner Österreich-Tournee. „Kleine Zeitung du drecks Verhurtes Scheißpapierblatt, du bekommst die volle Ladung an Hass ab das du Dir vorstellen kannst! Bist du in der Gosse landest!! Und WIR werden deinen Untergang Feiern“, schreibt ein Mitglied der Telegramgruppen von Martin Rutter. Das Zitat ist nur ein Beispiel für den Ton, der in den Gruppen der „Corona-Kritiker“ herrscht. Um ein besseres Verständnis zu bekommen, analysieren wir die Aktivitäten der Mitglieder besagter Telegram-Gruppen und es bestätigt sich ein Verdacht, den wir schon vor unsere Analyse hatten: Etwa 10% derer, die auf Telegram und unseren Facebook-Kanälen aktiv sind, verbreiten radikale Ansichten, Verschwörungsmythen und hetzen gegen Andersdenkende und Minderheiten.

März 2021. Es kontaktiert uns der Verfassungsschutz mit einer Warnung über eine Demonstration „gegen die Lügenpresse“, die von unserem Gebäude bis zum ORF ziehen soll. Auf Telegram wirbt Harald Wiedner, eine zentrale Figur der Grazer Identitären Bewegung, für die Veranstaltung. Die Sicherheitsvorkehrungen im Styria Media Center werden erhöht und wir stehen in stetem Kontakt mit der Polizei, doch recht bald zeichnet sich ab, dass die Veranstaltung kein Publikumsmagnet sein wird. Die Aufregung, so zeigt sich im Nachhinein, war umsonst. Weniger als ein Dutzend Demonstranten stehen am Ende verstreut über den Gadollaplatz und wirken unentschlossen.

Etwa zur gleichen Zeit reift unser Entschluss juristisch gegen jene radikale Minderheit vorzugehen, die versucht die Sorgen der Bürger zu instrumentalisieren und dafür die Plattformen der Kleinen Zeitung missbraucht. Gemeinsam mit der Antidiskriminierungsstelle, der Staatsanwaltschaft und der Polizei gehen wir gegen jene vor, die unsere Seite dafür nutzen, andere mit dem Tode zu bedrohen, zu beleidigen, zu beschimpfen oder ganzen Menschengruppen das Existenzrecht abzusprechen.

Nicht immer schaffen wir es Drohungen oder Hetze so schnell aus unseren Foren zu löschen, wie wir es gerne hätten. So auch im Fall eines Kommentars, der mittlerweile aufgrund der Klage einer unserer Facebook-Userinnen vor Gericht gelandet ist. Der Tatbestand: Verhetzung. Wir posteten einen Artikel über eine Kärntner Aktivistin, die sich juristisch gegen einen rassistischen Stalker wehrt. Unter dem Artikel auf unserer Facebookseite ein Kommentar eines Seiersberger Arbeitnehmers, der fordert, man solle alle schwarzen Menschen an die Wand stellen und erschießen. Nachdem andere User empört auf den Kommentar reagieren, zeigt der Mann, der mit Klarnamen und Foto auf Facebook surft, keinerlei Reue. Er postet sogar den Namen seines Seiersberger Arbeitgebers und fordert die anderen User dazu auf, seinen Kommentar bei seinem Chef zu melden. Die Angst vor den Konsequenzen seiner Taten: offenbar nicht existent.

Genau das ist der Grund, warum wir nun härter vorgehen wollen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum und unsere Handlungen haben Konsequenzen. Auf der anderen Seite des Bildschirmes sitzen noch immer Menschen und diese Menschen, die einfach nur ihre Meinungen mit anderen austauschen möchten, müssen wir als Zeitung schützen. Es braucht mehr Empathie für die Opfer der Hetze, es muss klar werden, dass Hass im Netz kein Verbrechen ohne Opfer ist. Darauf zielt auch die Maßnahme gegen Hass im Netz des Vereins Neustart ab, an der der Seiersberger User mittlerweile teilnehmen muss. Sie setzt nicht auf Bestrafung, will kein Umerziehungscamp sein, sondern setzt darauf, Mitgefühl für jene zu schaffen, die ohne Grund im Netz verhetzt, beleidigt und beschimpft werden.

Foto ©

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