AccessControl ac = AccessControl.getAccessControl(request);

Spiegel-SkandalClaas Relotius: Ein Talent und seine erlogene Welt

Der Betrugsskandal um den „Spiegel“-Reporter Claas Relotius erschüttert das Hamburger Medienhaus. Dort sucht man die Flucht in offensiver Transparenz.

GERMANY ESPIONAGE NSA SPIEGEL
Das "Spiegel"-Hochhaus an der Hamburger Ericusspitze. © APA/EPA/MARCUS BRANDT
 

Am Mittwoch brach in der Hamburger Hafen-City zumindest eine Welt zusammen. Eine auf einem Lügengerüst aufgebaute Welt, in der es sich wohl nicht gut aber zumindest preisgekrönt leben ließ. In einem Konferenzraum des „Spiegel“-Magazins wurde der größte deutsche Medienskandale der letzten Jahre öffentlich: Der „Spiegel“-Reporter Claas Relotius veröffentlichte über Jahre prominente Reportagen, die frei erfunden waren. Ein kaum zu überschätzendes Desaster für das Medium, ein Schock für die Branche. Auch „taz“, „Zeit Online“, das „SZ Magazin“ oder die „Weltwoche“ hatten seine Artikel veröffentlicht.

Der „Spiegel“ erklärte am Mittwoch, Relotius habe „mit Vorsatz, methodisch und hoher krimineller Energie getäuscht“ – und sich dafür auch noch feiern lassen: Erst vor wenigen Wochen erhielt der 33-Jährige den Deutschen Reporterpreises 2018. Ein Auszug aus der Preisrede nimmt sich im Rückblick beinahe trotzig an: Seine Reportagen seien von „beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert.“ Bloß: Die angeführten Quellen waren Fantasiegespinste.

„Sie tragen Munitionsgürtel, automatisches Gewehr, schusssichere Weste und ausgedachte Namen. Einer nennt sich Pain, Schmerz, er raucht Zigarre und sagte, er wolle den Teufeln, die auf Amerika zuliefen, in den Arsch treten, genau wie Donald Trump.“ Die Zeilen stammen aus Relotius letzter „Spiegel“-Reportage aus dem Grenzgebiet von Mexiko und USA. Sein Stil ist einnehmend, seine Sprache melodisch. Und seine Inhalte erfunden – zumindest teilweise.

Aufgebrochen hat das Lügengerüst der Co-Autor der Grenz-Reportage: Wochenlang recherchierte Juan Moreno seinem Kollegen hinterdrein, suchte nach Beweisen, berichtete der zuständigen Gesellschaftsredaktion (die ihm lange nicht glaubte) und riskierte damit seine Karriere als Journalist. Auch deswegen rumort es im „Spiegel“ derzeit offenbar gewaltig: Die Frage, wie ausgerechnet im Ressort des künftigen Chefredakteurs Ullrich Fichtner der Betrug über Jahre übersehen werden konnte, „sorgt intern für heftige Kritik“ – namentlich zitiert möchte aber keiner der gefragten Redakteure werden. Doch die Wut unter den Kollegen ist enorm: Zum teilweise gefälschten Interview von Relotius mit Widerstandskämpferin Traute Lafrenz twitterte der Wiener „Spiegel“-Korrespondent Hasnain Kazim: „Da hat man die Chance, eine Person von hist. Bedeutung zu treffen, und dann erfindet man Mist dazu?“

Das Hamburger Medienhaus (Verkaufsauflage 717.000 Exemplare – Tendenz sinkend) reagiert mit einer wohl einmaligen Transparenz-Offensive: Detailliert führt das Magazin an, wie der Skandal entdeckt wurde und wie Relotius in zumindest 14 Artikeln schamlos belog und betrog.

Allerdings: Die Aufarbeitung wird laut Kritikern just von der Gesellschaftsredaktion betrieben – dort wo das journalistische Talent jahrelang mit Stolz verhätschelt wurde.

Und Claas Relotius, den Fichtner als „zurückhaltend, höflich, aufmerksam“ beschreibt? Er hat seinen „Spiegel“-Vertrag gekündigt.

Medienskandale

Alles nur geklaut oder frei erfunden

Erfundene Drogenstory von Janet Cooke. Washington Post, 1981. Detailgetreu skizzierte die damals 26-jährige Journalistin Janet Cooke die Heroinsucht des achtjährigen „Jimmy“ in der „Washington Post“. Sie wurde dafür mit dem Pulitzer-Preis geadelt. Aber: Die Geschichte war frei erfunden. Pikantes Detail: Reporter-Legende Bob Woodward (Watergate-Skandal) hievte sie ins Blatt.

Hitler-Tagebücher. Stern, 1983. 9,3 Millionen D-Mark, umgerechnet 4,6 Millionen Euro, zahlte der „Stern“ für 62 Bände der gefälschten Hitler-Tagesbücher. Wegen großer Begeisterung über den Fund blieb die Überprüfung aus. Hauptfiguren der Affäre: „Stern“-Reporter Gerd Heidemann und Fälscher Konrad Kujau.

Rathergate. Dan Rather, 2004: Er war bei Kennedys Beerdigung dabei und führte das letzte Interview eines westlichen Mediums mit Saddam Hussein: der US-Starreporter und CBS-Anchorman Dan Rather. Bis er im Wahlkampf 2004 zwischen George W. Bush und John Kerry gefälschten Dokumenten der Nationalgarde aufsaß, die belegen wollten, dass Bush eine vorteilhafte Behandlung genossen hatte.

Märklin-Affäre. Rene Pfister, „Spiegel“ 2011. Für sein Porträt über den CSU-Politiker Horst Seehofer imaginierte „Spiegel“-Journalist Rene Pfister einen Einstieg mit dessen Modelleisenbahn. Die existiert, doch der Journalist war nie im Hobbykeller. Der Henri-Nannen-Preis wurde ihm aberkannt.

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

pajankharan
1
4
Lesenswert?

Claas R. ein Einzelfall?

Claas Retorius, der enttarnte Spiegelreporter, dürfte nur die Spitze eines Eisberges sein. Der Spiegel ist meiner Meinung an sich schon seit Jahren mehr ein literarischer Betrieb als denn ein Nachrichtenmagazin alter Reporterschule. Und viele der Texte haben mich vergnügt und angeregt zum Querlesen in andere, sozusagen hochgelobte Nachrichtenmedien. Dabei erlebte ich viele wundersame Berichte, wie Essays in der belletristischen Form geschrieben und nahm diese Berichte mehr als gute Literatur und nicht als faktencheck orientierte Reportage wahr.
Wahrscheinlich ist es den Dokumentatoren beim Spiegel ähnlich ergangen. Ein reiner Inzuchtbetrieb über die Jahre hat sich dort entwickelt.
Draufgekommen bin ich bei den Reiseberichten der ehrenwerten Reporter. Da stimmte meine eigene vor Ort getätigte Wahrnehmung mit den vorangegangenen Berichten meistens nie überein und veranlassten mich zur Selbstrecherche mit wunderbaren Erlebnissen mit Land und Leuten.
Im alten Orient waren die Märchenerzähler hoch bezahlt und beliebt und man war angehalten, das Körnchen Wahrheit, das in diesen Geschichten steckte, selbst zu finden.
Beim Spiegel und anderen Nachrichtenmedien ist das zum Teil noch heute so. "Sagen, was ist" meinte einst Augstein damals und über die Jahre kollerte der Spiegel vom hohen Sockel. Frage: War er jemals da oben, am Sockel der objektiven Berichterstattung?

Antworten
Elli123
3
3
Lesenswert?

Alles nur geklaut....

Wir wollen doch schöne Geschichten lesen. Wen interessiert die Wahrheit?

Antworten
Willi128
0
5
Lesenswert?

Pressefreiheit

Mich interessiert sie. Auch die Komentare der einzelnen Presseleuten dazu. Nur schöne oder schaurige Geschichten dazu sind nicht zu akzeptieren. Aber ich glaube, dass manche Journalisten - immer auf die Pressefreiheit ausredend - vielleicht Recherchen nicht sorgsam genug durchführen, da ihnen gewöhnlich auf Grund der Pressefreiheit eh nix passieren kann. Pressefreiheit ist ein Gut, dass in unserer demokratischen Welt sehr sehr wichtig ist, aber ich denke, dass viele Journalisten, dadurch die Wichtigkeit der genauen Recherchen nicht ernst genug nehmen. Kritik an ihrer Berichterstattung wird meistens gebetsmühlenartig als Angriff auf die Pressefreiheit gewertet, was meiner Meinung nach nicht richtig ist.

Antworten