Film der Woche"Ein bisschen bleiben wir noch": Berührende Fluchtgeschichte durch Kinderaugen

Filmemacher Arash T. Riahi erzählt in seinem neuen Werk von einer Odyssee zweier Kinder mitten in Wien – ein Glücksfall von einem Film.

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Sensationelles Spiel von Leopold Pallua und Rosa Zant, die von einem hervorragenden Ensemble getragen werden © Filmladen
 

Bewertung: ****

Am Anfang geben sie ihre Namen ab und nennen sich fortan Oskar und Lilli. „Das ist unauffälliger“, sagt der Bub zu seiner Schwester. Die aus Tschetschenien geflohenen Geschwister kämpfen mit ihrer Mutter um das dauerhafte Bleiberecht in Österreich – sechs Jahre nach ihrer Ankunft in Wien. Und diese Szene in Arash T. Riahis neuem Film verdeutlicht eingangs, dass es um nichts weniger geht als ums Ganze – um die Identität dieser jungen Menschen. Der Filmemacher hat schon mit seinem vielfach ausgezeichneten Debütfilm „Ein Augenblick Freiheit“ bewiesen, wie leichtfüßig und poetisch er politische Themen erzählen und verhandeln kann.


Sei neuer, auf Festivals bereits prämierter Film „Ein bisschen bleiben wir noch“ setzt dort an, wo die Zukunft der Protagonisten in diesem Land wackelt: bei einem Besuch der Polizei. Die Familie soll abgeschoben werden. Daraufhin versucht sich die psychisch labile Mutter (Ines Miro) das Leben zu nehmen. Oskar (Leopold Pallua) und Lilli (Rosa Zant) hauen ab, werden aufgegriffen und landen bei getrennten Pflegefamilien, die Abschiebung ist vorerst verschoben.


Der Regisseur erzählt die Geschichte über den Wunsch nach Anerkennung und einer Heimat durch die Augen der Kinder ohne stetes Betroffenheitspathos. Das und die betörende Ensemble-Leistung machen diesen Film, dessen Drehbuch auf dem Roman „Oskar und Lilli“ von Monika Helfer beruht, so besonders und berührend. Herzerwärmend, situationskomisch und mit Fingerspitzengefühl zeichnet Arash T. Riahi die Überlebenstricks voller Vitaminzuckerln, Smileys und Briefen an die Mutter nach, in denen Oskar vorgibt, glücklich zu sein.

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Die Bitterkeit der Nichtzugehörigkeit wird nicht ausgespart. „Die Käfer sind wie Ausländer, die dürfen gar nicht hier sein“, sagt Oskar einmal. Und immer wieder taucht diese Szene auf: Oskar und Lilli stehen mit offenem Mund und himmelwärts gerichtetem Blick da. Dazu die Worte: „Wenn man den Mund lange offen lässt, können die Sorgen vielleicht aus einem rausfliegen.“

Herrliche Rolle: Christine Ostermayer als parkinsonkranke Oma der Pflegefamilie und Oskars verbündete Foto © Filmladen


Der Filmemacher und Produzent Riahi ist 1983/84 selbst mit seinen Eltern und seinem Filmemacher-Bruder Aran T. Riahi („Die Migrantigen“) aus dem Iran nach Österreich geflohen. Er hat Helfers Roman politisiert und Kameramann Enzo Brandner hat diese Odyssee mitten in Wien in magische und aus den Fugen geratene Bilder gekleidet. Ein Glücksfall von einem Film.

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