Filmkritik"A Rainy Day in New York": Woody Allen in der #MeToo-Falle

Der 50. Film von Woody Allen lief am Wochenende auf der Viennale. Hauptdarsteller Timothée Chalamet hat sich davon distanziert und seine Gage an Initiativen gespendet, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Nach der Sichtung ist klar, warum.

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Elle Fanning und Timothee Chamalet wandeln durch New York - eher getrennt als gemeinsam © (c) Jessica Miglio
 

Das Gute zuerst: Timothée Chalamet festigt in "A Rainy Day in New York" wieder einmal seinen Ruf, aktuell einer der begabtesten, feinsinnigsten und interessantesten Schauspieler seiner Generation zu sein. In Woody Allens nostalgieverliebtem New-York-Film schlendert er als Dandystudent mit schlaksiger Figur und reichen Eltern cool und abgebrüht durch Manhattan. Stilechter Name: Gatsby"- schwer zu erraten eine Referenz an  F. Scott Fitzgeralds berühmte Romanfigur.

Der 23-Jährige, der für sein Spiel in "Call Me By Your Name" eine Oscarnominierung einheimste, aktuell im Netflix-Historiendrama "The King" die geächtetsten Frisuren mit Würde trägt und zuletzt für neue Filme von Greta Gerwig, Wes Anderson oder Denis Villeneuve vor der Kamera steht, ist das beste Pro-Argument für Woody Allens 50. Film - auch wenn sich Chalamet mittlerweile von diesem Werk distanzierte und seine Gage für Initiativen gespendet hat, die sich für Gleichberechtigung einsetzen - man bekommt während des Films bald eine Ahnung warum. Timothée Chalamet ist auch einer der wenigen Gründe für diesen Film.

Und nun zu weniger Erfreulichem: Woody Allen macht, was er zuletzt immer machte - er schickt analoge Seelen auf die Suche nach sich selbst, nach einem Seelenverwandten, verstrickt sie in Situationen, die auswegslos bis absurd sind, zelebriert Dreiecksgeschichten oder emotionale Einbahnstraßen und stattet diese wundersamen Figuren mit mitunter hinreißend ironischen Dialogen aus - all das immer ein bisschen als in warme Töne getauchte Hommage an ein wunderbar altmodisches New York, in dem man mit Ausblick auf den Central-Park wohnt, in SoHo alleine auf weiter Straße in einen Filmdreh platzt und sich die Nächte in Bars mit Pianospieler und Drinks aus den 1920ern um die Ohren schlägt. So ist New York freilich schon lange nicht mehr.

Die Problematik dieses Films liegt ganz wo anders: An die Stelle von Woody Allens Scharfzüngigkeit, der klugen Bissigkeit und der Schonungslosigkeit im Umgang mit seinen Figuren und der Gesellschaft insgesamt ist eine altersmilde, harmlose Nostalgieverliebtheit getreten und mitten in der #MeToo-Debatte eine beharrliche Sturheit in der Zeichnung seiner Männer-, vor allem aber der Frauenfiguren. Der Fokus seines Blicks: beharrlich aus den Augen eines alten, erfolgreichen weißen Mannes, eines verehrten Hollywoodgranden. Nicht zu vergessen vor dem Hintergrund, dass Woody Allen selbst von seiner Adoptivtochter des Missbrauchs beschuldigt worden war. Das konnte ihm niemals nachgewiesen werden. Der Regisseur bestreitet diese Vorwürfe bis heute, die Ermittlungen sind mittlerweile eingestellt.

Jung, blond, naiv

Zurück zu den Figuren: Gatsbys Freundin Ashleigh (Elle Fanning) bekommt über die College-Zeitung die Chance, ihren Lieblingsregisseur (großartig deprimiert: Liev Schreiber), den sie so sehr verehrt und anbetet, in New York zu interviewen. Aus dem Interview mit ihm wird ein Nachmittag, Ashleig lernt den Drehbuchautor (Jude Law) kennen und aufgrund der Verkettung ziemlich vieler Umstände hat sie ein Date mit dem sexy Schauspieler (Diego Luna), der sie mit in seine Wohnung nimmt. Alle drei sind scharf auf die junge, blonde, naive Studentin, die alle ob ihrer Werke anhimmelt und ihnen - freundlich wie sie ist - aus ihren Schaffens-, Ehe- oder Sexkrisen einfach nur helfen will.

Zum Geschlechtsakt kommt es nicht, mit keinem der dreien. Mit dem Schauspieler nicht deswegen nicht, weil die Studentin sich weigert, verwehrt oder anderswie aufbegehrt, sondern weil dessen Freundin, von der er natürlich angeblich längst getrennt war, plötzlich vor der Türe steht. So geht es den ganzen Film lang. Elle Fanning gerät in unangenehme Situationen mit älteren Männern, die allesamt an Harvey Weinstein und dessen systematischen Machtmissbrauch erinnern. Es passiert nie etwas. Aber immer eher zufällig. Kein Aufbegehren der Figur, keine Erkenntnis darüber, keine Verhaltensänderung, kein Bruch, keine Entwicklung. Unfassbar 92 Minuten lang nicht.

Flirten im Regen: Selena Gomez und Timothee Chamalet Foto © (c) Jessica Miglio

Es gibt auch noch andere wenig rühmlich gezeichnete Frauenrollen im Film: eine Prostituierte, die Gatsby ob der Abwesenheit seiner Freundin für ein Familienfest engagiert. Oder Gatsbys Mutter, die ihm auf der Party gesteht, früher selbst als Prostituierte gearbeitet zu haben, wo sie seinen Vater kennen gelernt hat, mit dem sie später ein Imperium aufgebaut hat, was zur blitzartigen Verbesserung den angeknacksten Mutter-Sohn-Verhältnisses führt. Und natürlich Selena Gomez - die kleine freche Schwester von Gatsbys ersten großen Liebe, mit er es am Ende zum knisternden Showdown im Regen kommt.

Dass Amazon den Film mitten in der heißen #MeToo-Phase ein Jahr lang zurück gehalten hat, ist sehr verständlich. Dass die Viennale so einen Film in ihr ansonsten so aufregend diverses und mutiges Programm nimmt, eher weniger. Ab 6. Dezember im Kino.

 

 

Kommentare (1)
hroehrich
1
0
Lesenswert?

Woody Allen ist viel besser als diese Kritik.

Von Regisseuren zu erwarten, dass sie das Drehbuch dem letzten Stand der #MeToo-Debatte anpassen, ist lächerlich. Und: Eva Sangiorgi als Viennale-Chefin sei dank, dass Woody Allen - sein Werk enthält viele Filmjuwelen, der Missbrauchsvorwurf ist unbewiesen und eingestellt - nicht fallen gelassen wird. Der "Rainy Day" ist nicht sein bester Film. Ich denke aber, Allen ist immer für weitere Highlights gut.