Elf Jahre nach "Take this Waltz" nahm die Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Sarah Polley wieder für einen Kinofilm im Regie-Sessel Platz. "Die Aussprache" erzählt klug, differenziert und kompakt nach wahren Begebenheiten von einer religiösen Kommune in Bolivien, in der Frauen von den Männern betäubt und vergewaltigt wurden. Mit zwei Oscarnominierungen (bester Film, bestes adaptiertes Drehbuch) im Gepäck gab die Kanadierin im Waldorf Astoria Hotel in Berlin gut gelaunt Interviews.

Eine Bekannte machte Sie auf den Roman "Women Talking" von Miriam Toews aufmerksam. Nach der Lektüre, was war zuerst da: der Wunsch, ein Drehbuch zu schreiben oder Regie zu führen?
SARAH POLLEY: Ich war nicht auf der Suche nach einem Film, um Regie zu führen. Es waren definitiv das Buch sowie die Geschichte, die mich überzeugten.

Frauen versammeln sich nach Missbrauchserlebnissen in einer Scheune und debattieren, ob sie den Männern vergeben, kämpfen oder weggehen sollen. Sie verhandeln Demokratie – ohne sie je erfahren zu haben. Ihnen dabei zuzuhören, ist faszinierend.
Diese Frauen sind aufeinander angewiesen. Wir wurden in demokratischen Ländern geboren. Wir sind in der Lage, Dinge zu debattieren, aufzuarbeiten und eine Lösung zu finden – auch wenn wir nicht in allem einig sind. Ich liebe die Fragen im Buch; wie komplexe Themen tiefgehend und zukunftsweisend behandelt werden und wie der Fokus darauf gerichtet wird, was wir begründen wollen – statt darauf, was wir zerstören wollen, wie Ona sagt.

Es handelt sich um Analphabetinnen, aber alle Frauen kennen dennoch die Regeln.
Es steckt etwas Instinktives dahinter: Wir sind eine Spezies, die von Natur aus kollektiv und kooperativ funktioniert.

Wie war es nach all der Zeit, wieder am Filmset zu stehen?
Großartig! Es war eine Gruppe von unglaublich offenen Menschen, eine konzentrierte Ensemble-Erfahrung. Wir haben ein paar Dinge geändert – die Arbeitszeit gekürzt. Wir sind nicht 15/16 Stunden am Tag am Set gestanden. Das wäre für mich unvereinbar mit der Elternrolle gewesen. Ich sagte zu den Produzentinnen Dede Gardner und Frances McDormand, dass ich das für mich nicht vereinbaren könnte. Sie haben es anders gemacht.