Er hat zig Literaturklassiker in Bilder gegossen. Für seinen ersten Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ hat sich Oscarpreisträger Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“) aktivistisch ein ernstes Thema vorgeknöpft: Aufforstung. Genauer gesagt die Methode des australischen Alternativ-Nobelpreisträgers Tony Rinaudo, aus Wurzeln in Afrika wieder Bäume wachsen zu lassen. Dafür tourt der 83-Jährige aktuell durch kleine Kinos in Deutschland und Österreich. Ein Gespräch bei Gurkenlimonade und Espressi im Wiener Café Stein.

Herr Schlöndorff, war gleich klar, dass aus diesem Stoff ein Dokumentarfilm und kein Spielfilm werden sollte?
Die Idee eines Spielfilms habe ich ziemlich schnell verworfen. Ich war von der Person Tony Rinaudo fasziniert. Als wir uns sechs Wochen nach der ersten Begegnung in Berlin in Bamako in Mali wieder getroffen haben und zu einem seiner ersten Projekte in die Dörfer gefahren sind, habe ich gesehen, wie er mit den Menschen umgeht, kommuniziert und scherzt. Da war mir klar, dass ich das niemals inszenieren kann, ohne jämmerlich zu scheitern. Und ich war einfach neugierig.

Wie haben Sie den Dreh in Afrika erlebt?
Jeder Tag war eine Entdeckung, voller interessanter Begegnungen: Wie lebt eine Afrikanerin mit fünf Kindern allein in einer Hütte? Wie leben die Frauen ohne die Männer? Es war mein bislang persönlichster Dreh. Ich hatte immer das Gefühl, ich teile das mit anderen, was ich selbst im Augenblick erlebe.

Ist der Film für Sie auch Utopie für eine bessere Welt?
Er ist eine Hoffnung auf eine bessere Welt. Ich würde mir wünschen, dass es gelingt, dass sich Afrika selbst ernährt. Tony sagt, es wäre möglich. Ich wünsche mir, dass Vernunft einkehrt für eine andere Kultur, Landwirtschaft sowie Entwicklungspolitik. Dass das Priorität hat. Mir war es wichtig, abseits der Katastrophen, Hungersnöte und Bürgerkriege ein anderes Bild von Afrika zu zeigen: die Fröhlichkeit der Menschen, die Zuversicht ins Leben, das Gottvertrauen, das sie haben.

Offenheit: War das stets Ihre Maxime?
Ich bin immer kommunikativ und neugierig gewesen. Als Bub bin ich in die Werkstatt des Schusters gegangen, der Holznägel in die Sohlen machte und die Nägel alle im Mund hatte. Irgendwann dann auch zum Fotografen in die Dunkelkammer. Es war in einem kleinen Kurort im Taunus. Er war mein erster Lehrer in Sachen Regie. Er hat Kurgäste fotografiert: im Kurgarten, im Schwimmbad. Dazu hat er Faxen gemacht, etwas erzählt. Er musste sie in Stimmung bringen, damit sie gut aussehen. Das Material wurde entwickelt, kopiert und auf Postkarten ausgehängt. Die Leute kauften ihr Bild nur, wenn sie gut und fröhlich aussahen. Also hat er dafür gesorgt. Wie der Regisseur, damit sich Schauspieler wohlfühlen.

Welchen Bezug haben Sie zum Wald?
Es ist mir gar nicht klar gewesen, dass mir das wichtig ist. Ich bin sozusagen im Wald aufgewachsen, in einer Hütte, habe mich im Wald immer wohler und sicherer gefühlt als in der Stadt.

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Ist ein neuer Film in Sicht?
Erstens weiß ich noch nicht, ob ich überhaupt noch einen machen will. Zweitens, ob es ein Dokumentar- oder ein Spielfilm werden soll. Ich warte auf eine Begegnung. Es kann Literatur sein oder nicht. Ich kann mir den Luxus leisten zu warten. Wenn nichts kommt, ist es auch gut.

„Der Waldmacher“ wäre ein guter Film zum Aufhören?
Ja, das habe ich oft gedacht. Aber kaum hatte ich 14 Tage nichts zu tun, fehlte mir die Aktivität.

Haben Ihre Filme einen gemeinsamen Nenner?
Nein. Der erste ist immer der wichtigste. Wäre der nicht gelungen, gäbe es keine weiteren. „Der junge Törless“ – den mag ich sehr. Ich könnte umgekehrt leichter sagen: Von den 30 Filmen, die ich gemacht habe, gibt es zehn, die ich vergessen könnte.