Wenn Ivonn Simeonova aufs Gas drückt, dann so richtig. Die 15-Jährige liebt und lebt den Motorsport, aus ihren ehrgeizigen Zielen macht sie keinen Hehl: „In zehn Jahren will ich in der Formel 1 fahren.“ Nicht in der F1-Academy, sondern in der „richtigen“ Formel 1 – gemeinsam mit Männern, im direkten Vergleich.

Während in den meisten Sportarten ein Kräftemessen zwischen Frauen und Männern aufgrund der physischen Voraussetzungen schlicht unfair wäre, ist es im Motorsport anders. „Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Frauen das Potenzial für Spitzenleistungen im Motorsport mitbringen“, erklärt Fran Longstaff. Die Wissenschaftlerin ist Teil von „More than equal“, einer von Karel Komárek und David Coulthard ins Leben gerufenen internationalen Initiative mit dem Ziel, die erste weibliche Formel 1-Weltmeisterin zu entwickeln. Vertreter und Unterstützer der Initiative waren Anfang der Woche am Red Bull Ring in Spielberg zu Gast. Auf Einladung der Österreichischen Lotterien fand ein Vernetzungstreffen statt, um die Sichtbarkeit von Frauen im Motorsport zu erhöhen.

Ivonn bereitet sich gerade intensiv auf die Formel 4 vor
Ivonn bereitet sich gerade intensiv auf die Formel 4 vor © Jürgen Hammerschmid

Weltweite Konkurrenz

Kognitiv und körperlich bringen Frauen die Voraussetzungen für die Formel 1 mit. Trotzdem ist der Motorsport so männlich dominiert wie kaum eine andere Sportart. Wo hakt es? „Die Herausforderung besteht nicht darin, Talent zu finden, sondern darin, die richtigen Entwicklungswege, Förderstrukturen und Chancen zu schaffen, damit sich dieses Potenzial entfalten kann“, erklärt Longstaff.

Allgemeiner ausgedrückt: Es in die Formel 1 zu schaffen, ist unabhängig vom Geschlecht extrem schwierig. Die weltweite Konkurrenz ist riesig, der männliche Talente-Pool vielfach größer. In Österreich entfallen nur vier Prozent aller Motorsport-Lizenzen auf Frauen, viel zu wenige Mädchen beginnen mit dem Kartsport. „Letztlich brauchst du enorme Erfahrung, du musst mehr Kilometer fahren, als alle anderen“, sagt Motorsport-Experte Alexander Wurz.

Georg Wawer (win2day), Corinna Kamper-Campisi, Ivonn Simeonova und Alexander
Wurz
Georg Wawer (win2day), Corinna Kamper-Campisi, Ivonn Simeonova und Alexander Wurz © Jürgen Hammerschmid

Enorme Kosten

All das ist Kart-Staatsmeisterin Ivonn Simeonova bewusst. Als eine von wenigen Frauen weltweit ist die Formel 4-Entwicklungsfahrerin Teil von „More than equal“ und wird entsprechend gefördert. „Gerade der Schritt vom Kartfahren in die Formel 4 ist riesig. Du brauchst Sicherheit, du brauchst Leute, die hinter dir stehen.“ Die 15-jährige Schülerin lebt ihrer Rennfahrerkarriere zuliebe bei ihrer Tante in Wien, ihre Eltern und Geschwister wohnen in Bulgarien. „Ich gehe von 8 bis 16 Uhr zur Schule, dann sitze ich vor dem Simulator oder trainiere. Mein ganzes Leben ist Rennfahren, ich bin nicht draußen mit meinen Freunden. Aber hey, wenn ich mit 25 Jahren Formel 1-Fahrerin bin und dann erst Spaß habe am Leben, ist das nicht schlimm“, lacht das junge Ausnahmetalent.

In der FIA Kart-Weltmeisterschaft vertritt Ivonn heuer Österreich, nächstes Jahr will sie in der Formel 4 aufzeigen. „Es braucht Disziplin und Selbstvertrauen. Ich komme aus keiner reichen Familie und die Kosten sind enorm. In der Formel 4 musst du mit einer Million Euro pro Saison rechnen, das ist schon die Untergrenze“, erzählt sie.

Am Ende zählt nur die Zeit

Wie es ist, sich als Frau zu behaupten, davon kann auch die ehemalige Rennfahrerin Corinna Kamper-Campisi ein Lied singen. „Ich war immer eine Ausnahme, erst gegen Ende meiner Kart-Karriere habe ich den ersten Rippenschutz für Frauen bekommen. Seither hat sich viel getan, aber es gibt noch immer viel zu wenig Mädels im Kartsport.“ Dafür wiederum braucht es weibliche Vorbilder – „ein solches will ich für alle Mädchen sein“, betont Ivonn.

Auch fehlt es an Forschung, „an Wissen, wie Frauen richtig trainieren, welchen Einfluss Hormone haben, wie die Körperform von Frauen das Fahren beeinflusst“, ergänzt Longstaff. Wurz: „Ich bin überzeugt, dass Frauen gleich schnell fahren können. Aber es braucht Geduld und die richtigen Rahmenbedingungen. Weil am Ende weiß die Stoppuhr nicht, ob du männlich oder weiblich bist – am Ende zählt nur die Zeit.“