Lange vor dem Influencertum und gefakten Fotos auf Instagram war Kaiserin Elisabeth wohl so etwas wie ein erstes Opfer von Bodyshaming: „Schön soll sie bleiben, dreimal so schön“ singen die adeligen Gäste aufgefädelt an einer langen Tafel. Die Festgesellschaft feiert das Weihnachtsfest 1877 – und Sisis 40. Geburtstag. Sie gilt nun offiziell als alt. „Das ist für eine Frau des Volkes die durchschnittliche Lebenserwartung“, klärt sie ihr Arzt auf. Die Zeitungen fragen in Kommentaren, ob die Kaiserin zu dick sei.
Definitiv nicht. Denn die Magersüchtige pflegt ihre androgyne Figur wahnhaft mit einem rigiden Trainings- und Essensplan (zwei Orangenscheiben, viele Zigaretten). Ihre Wespentaille lässt sie sich morgens eine Ewigkeit lang von der stärksten Zofe in ein Mieder zwängen. „Fester, fester“, ist am Beginn von „Corsage“ zu hören. Der österreichischen Drehbuchautorin und Regisseurin Marie Kreutzer ist mit ihrer freien und freizügigen, in Cannes uraufgeführten Sisi-Adaption ein Coup geglückt.
Sie erzählt darin von einer hadernden, einsamen und unglücklichen Kaiserin. Einer Frau, die sich tätowieren, aber nicht mehr malen lässt, Ohnmachtsanfälle vortäuscht und sich dabei der Endlichkeit ihrer Jugend bewusst ist. Genauso wie ihrem Status als Projektionsfläche als Sidekicks des Kaisers. „Jetzt schauen sie wieder, ob ich alt geworden bin“, sagt sie zu ihrer Tochter bei einem Empfang. Sie will nicht mehr das fidele Mädchen in schönen Kleidern sein.


Marie Kreutzer zertrümmert den Mythos von Ernst Marischkas Sissi-Filmen mit Romy Schneider auf radikale, atmosphärisch dichte (Kamera: Judith Kaufmann), eindringliche (Musik: u.a. Camille, Soap and Skin) sowie historisch mitunter frei interpretierte Art. Sisi beschimpft ihren Mann mit nicht druckfähigen Worten, zeigt der Hofburg und der Gesellschaft den Stinkefinger, spritzt sich auf ärztliches Anraten Heroin und bricht, so gut es eben geht, aus dem höfischen Korsett aus.

Ihr gelingt mit "Corsage" ein furioser Coup: Marie Kreutzer
© Pamela Rußmann

Die Ambivalenz der Figur spiegelt sich in der Mimik sowie Haltung von Vicky Krieps fantastisch, in der Sparte Un Certain Regard in Cannes geehert wurde. Ihr zur Seite steht ein ausgezeichnet geführtes Ensemble mit Manuel Rubey als Ludwig II., Florian Teichtmeister als Kaiser Franz Joseph mit abnehmbaren Schnurrbart und sonst wenig Potenz und in kleinen Rollen groß aufspielende Katharina Lorenz als Marie Festetics oder Aaron Friesz als Kronprinz Rudolf. Ein österreichischer Film, dessen frei interpretiertes Ende einen Befreiungsschlag verkörpert. Posthum für Sisi und das verklärte Nachkriegsösterreich.