Herzliche Gratulation zur Berlinale-Einladung! Was bedeutet das für Sie als Neo-Regisseur?
Dass man sehr im Schaufenster steht – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich nehme an, das wird ein Riesenzirkus, ich habe mir vorgenommen, ein Zirkuspferd zu sein, weil ich mich immer gerne für einen Film, von dem ich überzeugt bin, vorne hinstelle.


Es ist und bleibt ein Wettbewerb. Sehen Sie auch Nachteile?
Ein Wettbewerbsfilm ist einer, den Kritiker nicht entdecken oder als Erste gut finden können. Es wird einige geben, die nicht nur freundlich draufschauen werden.


„Wilde Maus“ erzählt von einem Klassikkritiker einer Zeitung, der gekündigt wird und auf Rachefeldzug geht. Erinnert Sie das vielleicht an Ihre anfängliche Hassliebe zu Kritikern?
Nein, ich bin auch als junger Kabarettist sehr gut von den Kritikern behandelt worden. Erst später, als ich schon arriviert war, wehte ein rauerer Wind – dann hieß es zum Beispiel: Dem Hader fällt nichts Neues mehr ein. Kritik findet bei Kabarettisten aber in einem geschützteren Bereich statt als im Theater, im Film oder bei der Berlinale.


Was war das Böseste, was jemals über Sie geschrieben wurde?
Beim ersten München-Auftritt schrieb ein Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“, dass ich sehr langweilig und brav bin. Und dass ich meine Nummern häkle wie ein Tischdeckerl. Ich hatte drei Tage Magenweh – auch deswegen, weil er ein bissl recht hatte. Nach ein paar Tagen habe ich dann aber einen Trotz entwickelt und mir gedacht: Keiner schreibt mir je wieder, dass ich brav bin. In den nächsten Jahren habe ich besonders arge Programme gemacht, den deutschen Kleinkunstpreis gewonnen und später eine Hymne von demselben Kritiker bekommen.

 


Wie viel von Ihnen selbst steckt in der Figur des Kritikers?
Ich bin dieser Figur schon in dem Sinn ähnlich, dass ich sehr dünnhäutig und leicht zu verletzten bin. Aber: Dort, wo die Figur von einer dumpfen Wut und Lähmung befallen ist, setzt bei mir ein Trotz ein, den ich in Aktivität umsetzen kann.


Hat der Autor dem Darsteller Hader die Rolle maßgeschneidert?
Das ist eine Figur, die auf den ersten Blick nicht sehr sympathisch ist und viel Blödsinn macht. Über mich wird immer gesagt, dass ich alles spielen kann und die Zuschauer trotzdem mit mir mitgehen, drum bin ich ganz gut geeignet für die Rolle. In einem Anfall von Sportlichkeit habe ich mir gedacht: dann gleich volles Programm; also auch Regie. Ich bin eh Kabarettist. Wenn’s schief geht, verliere ich nicht ganz meinen Beruf.


Der Film skizziert und persifliert den Mittelstand. Was interessiert Sie denn daran?
Will man tragikomisch sein, landet man zwangsweise beim Mittelstand. Da kenne ich mich am besten aus. Erstens: weil ich selber so lebe. Zweitens: Will man Arbeitslosigkeit komisch beschreiben, ist es gut, wenn es in einem gesettelten Umfeld passiert, sonst wirds ja gleich ein Sozialdrama. Journalisten haben oft eine ähnlich hohe Selbstidentifikation wie Künstler. Mit dem Unterschied, dass sie ein Chef kündigen kann.


Kinderwunsch nach 40, chronische Selbstfindungsphase, Dauertherapien: Diese Themen werden mit Terror- und der Flüchtlingskrise gegengeschnitten. Soll das sagen: Nehmt euch selber nicht so wichtig?
Es ist eine Beziehungsgeschichte, gleichzeitig eine über Rache und Freundschaft und auch eine Satire über eine Gesellschaftsschicht. Und man kann auch etwas über eine Zeit aussagen, ohne einen politischen Film mit dem Zeigefinger zu machen.


Frustriert den Kabarettisten Hader eigentlich die oftmals zur Realsatire verkommene Politik?
Frustrieren in der Form, dass ich den Eindruck habe, alles sei nur schlecht – diesen Gedanken erlaube ich mir nicht. Das bringt einen doch nirgendwo hin und stimmt wahrscheinlich gar nicht. Man weiß ja nie, ob man nicht einfach nur älter wird.
Medien, Politik, Job: Viele Leute haben den Eindruck, dass sich immer nur alles verschlechtert. Teilen Sie diese Ansicht?
Nein, ich habe eher den Eindruck, dass von Generation zu Generation bestimmte Erfahrungen wieder vergessen werden, das führt zu unliebsamen Entscheidungen in der Weltgeschichte. Deswegen hat man zurzeit eine leise Angst. Das ist mehr eine historische Angst. Davor, dass wenig dafür spricht, dass ausgerechnet dieses Jahrhundert eines ohne Katastrophen wird. Man kann sich denken, dass wir ja viel gescheiter sind. Das hat sich aber bis jetzt jedes Jahrhundert gedacht. 1913 war ein Buch ein Bestseller in Europa, das die Theorie vertreten hat, große Kriege seien nicht mehr möglich, weil die Nationen wirtschaftlich so miteinander verzahnt sind, dass es keine Sieger gibt, sondern nur Verlierer. Als ich das bei Christopher Clarke gelesen habe, bin ich erschrocken. Ein Jahr später passiert das genau so. Es gibt viele, die das wissen, aber ein paar Dumme, die an richtigen Hebeln sitzen und alles ruinieren.


Wir reden jetzt über den neuen US-Präsidenten Trump?
Nicht nur. Wir reden von allen möglichen Hebeln. Katastrophen passieren nicht nur, weil einer etwas falsch macht. Sie passieren, weil einige gleichzeitig Fehler machen oder falsch aufeinander reagieren.

„Wilde Maus“: Josef Hader spielt einen Mann, der tief fällt
©


Ist der zunehmende Narzissmus schuld an dieser Stimmung?
Als ich Geschichte studierte, habe ich Ernst Jünger gelesen. Er beschreibt eine Generation von jungen Männern, denen es gar nicht schlecht geht. Denen aber fad ist im Kopf und die unbedingt etwas niederkrachen sehen wollen. Das ist nicht unbedingt ermutigend, hie und da ist wieder so eine Gefühlslage zu spüren. Aber es bringt nichts, frustriert zu sein. Wir haben nur die eine Zeit, in der wir leben. Und: Wir sind ja nicht vollkommen machtlos. Jeder kann eine Partei gründen, jeder kann wählen, wen er will. Das ist einer der größten Irrtümer unserer Zeit, dass sich so viele machtlos fühlen. Das ist eigentlich zynisch gegenüber früheren Zeiten, da waren Menschen wirklich machtlos gegenüber den Mächtigen. Ausgerechnet in demokratischen Systemen zu sagen, ich fühle mich machtlos, ist nicht angebracht.


Wird es wieder eine Regiearbeit von Ihnen geben?
Wenn ich wieder eine sehr eigene Geschichte habe, würde ich wieder sehr gern Regie führen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit über 50 noch einmal ein Anfänger habe sein dürfen. Eines habe ich mir nicht gedacht: dass es so schön wird. Es war von hinten bis vorne schön.