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Milo RauWarum werden die Sterbenden weggesperrt?

Auf den "Jedermann" folgt am 19. August "Everywoman". Der Schweizer Regisseur Milo Rau war von den Salzburger Festspielen eingeladen worden, Hugo von Hofmannsthals Domplatz-Klassiker zum 100. Geburtstag des Festivals aktuell zu spiegeln. In der Corona-Zeit hat sich das Projekt stark verändert. Geblieben ist nur die Schauspielerin, die in der Szene Salzburg auftreten wird: Ursina Lardi.

INTERVIEW: REGISSEUR MILO RAU
Regisseur Milo Rau © APA/BARBARA GINDL
 

Milo Rau (43), einer der radikalsten europäischen Theatermacher und seit Projekten wie "Die Moskauer Prozesse" oder "Kongo Tribunal" Garant dafür, politische Entwicklungen mit theatralen Mitteln schmerzhaft zuzuspitzen, war mit Ursina Lardi für "Everywoman" in Brasilien auf Recherche unterwegs, als der Coronavirus einen Abbruch der Reise erzwang. "Wir hatten eine Art Fitzcarraldo-Paraphrase im Sinn", erzählt Rau im Interview mit der APA. "Es wäre eine kritische Bestandsaufnahme des kapitalistischen Großkünstlers gewesen, der denkt, er wird durch seine Werke unsterblich."

Zwei Monate später entschied man sich angesichts der aktuellen Entwicklungen für einen radikalen Neuanfang: "Wir haben gesagt: Setzen wir uns mit der Frage des individuellen Todes auseinander. Warum werden die Sterbenden weggesperrt? Warum will man den Tod nicht mehr sehen? Warum hat man solche Angst, einen Menschen zu verlieren? Der große Unterschied zum 'Jedermann' ist, dass es dort den Glauben gibt - und sei es nur als kulturelle Übereinkunft. Doch den haben wir verloren. Der Jedermann steht ja nur ein paar Minütchen mit leeren Händen da, und schon kommen die Werke, die Mutter, der Glaube... Interessant ist ja, dass Hofmannsthal selber nicht an diese Allegorien geglaubt hat. Er hat mit 'Jedermann' ein Stück über die Todvermeidungsstrategien einer pseudo-katholischen, pseudo-wertorientierten Welt geschrieben. Heute stehen wir mit einer ganz anderen Verzweiflung, einer anderen Verlassenheit da als dieser Jedermann."

Man begab sich auf die Suche nach Menschen, die unmittelbar mit dem Tod konfrontiert sind. In einem Hospiz fand man eine an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Patientin, die bereit war, auf Video über ihre Situation und ihre Ängste zu sprechen. Ursina Lardi tritt auf der Bühne mit diesen Aufnahmen in Interaktion. Und möglicherweise wird sich die Frau auch live die Premiere ansehen können. "Ihre ursprüngliche Lebenserwartung mit dieser Diagnose betrug drei Monate. Da ist sie schon um zwei, drei Monate drüber. Ich hoffe sehr, dass sie kommen kann." Die Produktion wird nach Salzburg auch an der Schaubühne Berlin, wo Lardi Ensemblemitglied ist, und am NT Gent, wo Rau künstlerischer Leiter ist, gezeigt werden.

Crew United/Beatrice Minda
Ursinal Lardi, Darstellerin in "Everywoman" © Crew United/Beatrice Minda

Bei seinem Antritt in Gent 2018 erregte Milo Rau mit einem Manifest Aufsehen, das eine radikale Abkehr von herkömmlichen Produktionsbedingungen forderte. Durch den Theater-Shutdown fühlt er sich nun bestätigt: "Wir haben uns mit dem Manifest quasi prophetisch erwiesen, weil wir alle Strukturen, die sich nun als unflexibel herausgestellt haben, bereits kritisiert und aufgelöst haben. Wir sind ja momentan Opfer des Theaterbegriffs des 19. Jahrhunderts, der dazu führt, dass wir alle gleichzeitig in diese Säle reinmüssen, und da wird ein Stück mit mindestens acht Leuten aufgeführt, die sich alle küssen oder ermorden", lacht Rau.

Corona habe Alternativen dazu beschleunigt: "Wir haben die 'School of Resistence' gegründet und als Teil dessen die (von der indigenen Schauspielerin Kay Sara gehaltene) Rede zur Festwochen-Eröffnung nicht im Burgtheater, sondern online gemacht. Dabei hatten wir nicht 200 sondern 10.000 Zuschauer, und zwar nicht nur in Wien, sondern in elf Ländern. Das ist ein wahnsinniger Impact. Die Rede wurde, glaube ich, bisher eine halbe Million mal geklickt und Zehntausende Mal verbreitet - das wäre nie passiert, wären wir in einen Raum gegangen. Und präsent bei der Rede waren jene, die es wirklich angeht." Nämlich jene Landlosen, die gegen die Brandrodungen im Amazonasgebiet kämpfen - wovon u.a. Raus Projekt "Antigone im Amazonas" handelt, dessen Abschluss ebenfalls verschoben werden musste. "Corona fördert eine andere Präsenz und eine viel inklusivere Praxis. Man muss als Künstler und Kurator immer versuchen, für solche Dinge dankbar zu sein."

Auf der anderen Seite habe die Coronakrise freie Kunstschaffende schwer getroffen, gibt Rau zu und verweist darauf, dass seine Produktionsgesellschaft "International Institute of Political Murder" den Konkurs gerade noch abwenden konnte. "Wir konnten ein halbes Jahr nicht touren. Ich habe versucht, meine Leute unterzubringen, wo ich konnte. Und wir führen beim Festival in Venedig meinen Jesus-Film 'Das neue Evangelium' auf (in dem der Aktivist Yvan Sagnet als "erster schwarzer Jesus der europäischen Filmgeschichte" zu sehen sein wird, Anm.). Wir haben auch die Stücke 'Familie' und 'Orest in Mossul' verfilmt, das eine ist eher ein Kinofilm, das andere ein Dokumentarfilm. Natürlich ist das Endziel, dass man wieder in den großen Sälen spielt - und von mir aus auch die großen Klassiker."

In Salzburg hat Milo Rau mit seinem Team Quartier in einer Seniorenresidenz genommen. "Das ist sehr schön und sehr ruhig, da lese ich abends immer in Vladimir Jankélévitchs 'Der Tod'", betont der Regisseur schmunzelnd passendes Ambiente und die Lektüre entsprechender Sekundärliteratur bei den "Everywoman"-Proben. Bei den Salzburger Festspielen nehme man die Sicherheitsmaßnahmen viel strenger als anderswo im Kulturbetrieb, lobt er. Gleichzeitig gibt er zu, sich als "aus dem Kleinbürgertum stammender" politischer Künstler beim glanzvollen Hochkulturfestival nicht gänzlich heimisch zu fühlen. "Ich bin da immer ein bisschen hin- und hergerissen: Einerseits fühle mich in dem ganzen Luxus fehl am Platz, andererseits zählt für mich der persönliche Arbeitskontext, und der ist hier hervorragend. Die Oberfläche ist mir fremd, aber intern ist alles total entspannt und angenehm."

Für sein nächstes Buchprojekt hat Milo Rau 100 einflussreichen Künstlern und Intellektuellen die Frage gestellt: "Why Theatre?" Diese Frage stelle sich noch dringlicher, wenn man sich vor Augen führe, was der Welt in den nächsten Monaten und Jahren bevorstehe, meint er: "Wir sollten im Bewusstsein leben, dass Covid-19 ein Globalproblem ist, Klimawandel ein Globalproblem ist, Armut ein Globalproblem ist. Ein Beispiel: In der pakistanischen Textilindustrie wurden in der Coronakrise sämtliche Aufträge storniert und zwei Millionen Menschen dadurch von einem Tag auf den anderen mit dem Hundertod konfrontiert. Die große Rechnung wird von denen bezahlt. Die eigentliche Krise bei einer Krankheit wie Covid-19 ist das, was nachher passieren wird."

Zum Stück

Milo Rau / Ursina Lardi: "Everywoman", Uraufführung, Koproduktion mit der Schaubühne Berlin, Regie: Milo Rau, Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Musik: Jens Baudisch. Mit: Ursina Lardi. Szene Salzburg, Premiere: 19. August, 19.30 Uhr, Weitere Vorstellungen: 20., 22., 23., 27. und 28. August.  Karten: Tel. 0662 8045-500, www.salzburgerfestspiele.at.

Premiere in Berlin an der Schaubühne ist am 15. Oktober, ab 27. November wird das Stück am NTGent gespielt. http://international-institute.de

 

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Irgendeiner
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6
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Naja, die Frage warum jeder fürchtet geliebte Menschen zu verlieren

scheint mir eher trivial,wer es nicht tut wäre wohl ein fühlloses Monster.Die interessante Frage scheint mir zu sein,warum man den ach so geliebten Menschen heute so oft beim Sterben allein läßt oder ihn in "guten Händen",sprich bei Professionisten die sich damit rumschlagen sollen,läßt.Natürlich ist das immer unendlich schmerzhaft und natürlich erinnerts einen jedes Mal wieder an die Realität der eigenen notwendigen Endlichkeit,aber das hats immer schon getan und die meisten sind früher im Kreise ihrer Lieben gestorben.Ich weiß, daß es Individuen gibt,die das aus der eigenen psychischen Konstitution heraus wirklich nicht tragen können,aber bei den meisten halte ich es heute für Egoismus,weil man auch da in der Extremsituation das eigene Leid vor das des anderen stellt und nicht mehr sieht,daß man zwar leidet aber es der andere ist der alles restlos verliert und um den ginge es.

GordonKelz
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WARUM....?

WARUM...?
...überlässt man der Bühne, der Kunst..diese Frage ? Es ergibt auch hier keine Antwort...
Man schürt auch damit Unbehagen und tief verwurzelte Ängste .Was der Glaube und Religion in vielen Jahrhunderten in uns angerichtet hat, lässt sich nicht einfach so entfernen...auf dies hofft die Kirche, um Aberglauben und Mystik um den Tod zu transportieren. Wie jedes Lebewesen stirbt auch der Mensch. Frage mich, was daran unnatürliches , höheres oder gar teuflisches
manche daran erkennen, nur um dies zu ihrem Vorteil zu nützen! Es genügt die menschliche Gier aus allem Kapital zu schlagen...Dies sollten wir erkennen und ausmerzen. Dabei sind nicht die Bestatter an erster Stelle gemeint...interessanter ist, das Gemeinden,
und Länder intensiv bemüht sind, die Sterbenden und Toten noch zur Kasse zu bitten und gleichzeitig auszusperren ...?!

tintifax
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ich

ziehe meinen hut ... in großer demut und dankbarkeit ... wie sehr ist es doch gerade in unserer zeit unbeschreiblich wichtig, fakten wie diese darzustellen, sie nicht zu verschweigen und sie damit im bewusstsein unserer zeit zu halten! DANKE!