Burg-DebütLuk Perceval: Theater müssen sich radikal verändern, um zu überleben

Der flämische Regisseur feiert mit 60 Jahren sein Burg-Debüt und sieht das Stadttheatersystem stark unter Druck. "Rosa oder Die barmherzige Erde" hat am Samstag am Akademietheater Premiere.

SALZBURGER FESTSPIELE: PK LUC PERCEVAL
Theatermacher Luk Perceval © APA
 

Fast 20 Jahre hat der Flame Luk Perceval an deutschsprachigen Bühnen gearbeitet. Seit er 1999 bei den Salzburger Festspielen mit dem zwölfstündigen Shakespeare-Marathon "Schlachten!" für ein Theaterereignis sorgte, hat er u.a. an der Berliner Schaubühne, an den Münchner Kammerspielen und am Thalia Theater Hamburg gearbeitet. Doch bevor er einen Schlussstrich zieht, gibt er sein Burgtheater-Debüt.

Am Akademietheater hat am Samstag (10. März) "Rosa oder Die barmherzige Erde" Premiere, ein Abend bei dem er seinen alten Traum, "Romeo und Julia" nicht mit jungen Menschen zu besetzen, verwirklicht, indem er Shakespeares Liebestragödie mit dem Roman "Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau" von Dimitri Verhulst verschneidet. An der Seite von Tobias Moretti agiert dabei der "Vergissmeinnicht-Chor", ein "wunderbarer Chor von Statisten zwischen 85 und 95 Jahren. Das sind alles Leute, die zum ersten Mal auf einer Bühne stehen."

Es wird keine herkömmliche Staatstheater-Produktion werden, so viel steht fest. Dafür sorgt nicht nur der ungewöhnlich entspannte Zugang des 60-Jährigen, der seit über 25 Jahren nicht nur privat Yoga praktiziert, sondern mit einer gemeinsamen Yogastunde ("Jeder, der Lust hat, kann mitmachen - das ganze Haus, ob es die Putzfrau ist oder der Hauptdarsteller.") den Probentag eröffnet. Auch die Tatsache, dass Perceval genug von dem System hat, dessen Teil er zwei Jahrzehnte lang war, ist Garant dafür, dass nicht einfach Theater-Business as usual auf dem Programm steht. Vieles sei in Bewegung gekommen, schildert Perceval die Krise in und außerhalb des Theaters kaum zu übersehen. "Alles ist doppelt so teuer wie früher. Wir müssen doppelt so viel arbeiten. Plötzlich sind wir in einer Gesellschaft gelandet wie in Asien, wo die meisten Menschen von acht bis zehn Uhr abends arbeiten. Das führt dazu, dass nur noch die Leute, die Zeit haben, ins Theater gehen. Das sind meistens die Älteren oder die Studenten. Jene, die arbeiten, gehen entweder spätabends noch ins Kino oder fallen mit einer Pizza vor dem Fernseher in den Schlaf."

Gleichzeitig seien die Theater-Subventionen seit langem eingefroren, fresse der aufgeblähte Verwaltungsapparat einen immer größeren Anteil an den Mitteln. "Ich komme jetzt nach acht Jahren aus dem Thalia Theater, wo knapp 35 Schauspieler für rund 320 Mitarbeiter jeden Tag geackert haben. Die müssen Einnahmen einspielen, weil die Subvention sowieso direkt an die Verwaltung geht. So wird die Kunst gezwungen, mehr und mehr dem Affen Zucker zu geben. Das sieht man jetzt überall. Die Verwandlung des Ensembletheaters in ein Unterhaltungstheater ist nichts anderes als ein sanfter Tod." Perceval sieht die Zukunft der Theater in Zeiten allgemeiner Sparb

udgets nicht rosig: "Es wird passieren, was in Belgien, Holland, Frankreich, Italien und England passiert ist: Man wird die großen Häuser vermieten für kommerzielle Produktionen und das bisschen Geld, was noch übrig bleibt, verteilen an ein paar Don Quichotes. Das wäre eine Katastrophe. Aber weder die Politik noch die Kunst hat zur Zeit die Macht und den Mut und die Möglichkeit, mehr Geld einzufordern." Die Folge sei eine Schrumpfung der Ensembles, während in den Verwaltungen viele unkündbare Mitarbeiter säßen. "An den meisten großen Häusern gibt es nur noch einen Stamm von 10, 15 Schauspielern - plus Fernsehstars."

Aber das Burgtheater ist doch gerade für sein Ensemble berühmt? "Das stimmt, das ist auch etwas, was ich an der Institution Burgtheater sehr schätze. Es gibt aber kaum noch Regisseure, die wirklich an einem Ensemble interessiert sind. Einen Ensemblegeist spürt man noch selten auf der Bühne. Auch am Burgtheater gibt's eine starke hierarchische Kultur, ich erfahre hier keine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Die Angst um die eigene soziale Sicherheit wird größer. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr an große Strukturen glaube, sie gehen kaputt an ihrer eigenen Angstkultur."

Er habe Angebote für Arbeiten in St. Petersburg, Warschau, Oslo oder Genf, sagt Perceval. Doch vor allem möchte er sich noch einmal neu erfinden und Alternativen zum herkömmlichen Stadttheatersystem erarbeiten. Ein Projekt in Brüssel hat sich aus finanziellen Gründen zerschlagen, nun wird er am NT Gent, das ab nächster Saison von Milo Rau geleitet wird, versuchen, seine Visionen für ein Theater der Zukunft zu realisieren. "Mit einer internationalen Truppe möchte ich sehr gerne eine Theatersprache erfinden, die jeder versteht. Dass wir einander nicht verstehen, ist nämlich eine Wirklichkeit, mit der wir in Europa überall konfrontiert werden. Wir sprechen alle schlecht Englisch oder schlecht Französisch oder - in meinem Fall - schlecht Deutsch. Wir leben aber in einer Welt, wo sich nicht nur die Sprache auf der Straße ändert, auch unser Gehirn ändert sich. Wir denken viel schneller, assimilieren viel schneller. Es darf nicht sein, dass das Theater dabei wie ein Museum zurückbleibt."

Eine Möglichkeit, mit der Zeit zu gehen, sieht der Regisseur im Einsatz der digitalen und sozialen Medien. "Ich finde, dass die Theater diese Mittel viel zu wenig einsetzen. Das Mittel dieser Zeit ist die Selbstdarstellung. Ist Instagram, Facebook und Twitter. Die Leute wollen Teil einer "community" sein. Doch die meisten Theater benutzen diese Medien nur, um zu informieren. Wir werden aber heute ohnedies überinformiert. Wir brauchen kreative Räume. Und ausgerechnet da könnte das Theater mit dem Internet viel weiter gehen. Was für ein Feld liegt da offen! Warum bietet man keinen Raum, um gemeinsam Stücke zu schreiben? Warum macht man die Bühnenproben nicht öffentlich? Warum sind die Theater nicht so wie in New York mittags offen für jeden, der vor dem Eisernen sein Talent zeigen will? Das Theater verpasst es, eine Gemeinschaft von Menschen die sich "gemeint" fühlen, zu schaffen. Ich bin überzeugt, es gibt viele Arten und Weisen, die Stadt mit einzubeziehen. Wir müssen ausziehen, um uns von den Leuten was sagen zu lassen, was uns vielleicht inspirieren könnte, statt immer von der Bühne aus den Zuschauern das Leben zu erklären. Nur dann wird Theater eine Zukunft haben."

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