Diagonale-SpecialLudwig Wüst: Am Anfang war das Holz

Er ist einer der ungewöhnlichsten Filmemacher des Landes: Ludwig Wüst. Die Diagonale zollt dem Regisseur, Tischler und Theatermann Tribut. Ein Besuch in seiner Holzstube.

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Ludwig Wüst
Ein Mann, drei Berufungen: Ludwig Wüst in seinem Atelier © Stanislav Kogiku
 

Es duftet nach analoger Arbeit, nach Holz, Lack und Wald hinter der Tür der Großen Schiffgasse 1a im zweiten Wiener Bezirk. Hier hobelt, sägt und schleift der Tischler Ludwig Wüst in einem Gemeinschaftsatelier. Oben köchelt eine Erdäpfelsuppe vor sich hin. Die auffällig gemaserte Holzplatte, vor der der Filme- und Theatermacher posiert, wird einmal einen Tisch zieren. Während Wüst Hand anlegt, sagt er Sätze wie: „Es klingt kitschig, aber ich gestalte das Material nicht. Ich füge ihm Liebe hinzu, Haptik, meine DNA.“

Das Filmfestival Diagonale würdigt die künstlerische Dreieinigkeit in einer Person ab heute in Graz. Ludwig Wüst, den Alexander Horwath einmal als „Maverick des österreichischen Kinos“ bezeichnete, zählt zweifelsohne zu den ungewöhnlichsten Typen im Autorenfilmschaffen dieses Landes. Er ist ein Außenseiter, definitiv ein Vielhackler und dazu einer, der das Sinnliche in der Arbeit hochhält. „In den letzten 30 Jahren habe ich vermutlich 100 bis maximal 150 Möbel gebaut, 50 Theaterproduktionen und elf Filme gemacht“, sagt Wüst.

1987 enterte der Tischler aus Bayern Wien. „Ich wollte Klavierbauer werden“, erinnert sich der 53-Jährige heute zurück. Aber: Es kam anders als geplant. Wüst sang für ein Musical vor, wurde prompt engagiert und studierte Schauspiel und Gesang. Und, nicht minder wegweisend, er wurde vom Kino infiziert, verbrachte viel Zeit im Filmmuseum und im alten Stadtkino. „Schon damals habe ich sehr früh Peter Kubelka erlebt.“ Dass dieser Koch und Filmemacher sei, habe ihn beeindruckt. „Und er kennt sich auch in der Musik, der Literatur und der Malerei aus“, sagt Wüst. Diese Mehrfachberufung förderte sein „Coming-out als Tischler, Theatermann und Filmemacher“, wie er sagt.

Ludwig Wüst
Ludwig Wüst: „Es klingt kitschig, aber ich gestalte das Material nicht. Ich füge ihm Liebe hinzu, Haptik, meine DNA.“ Foto ©

Was die drei Betätigungsfelder eint: „Es handelt sich um Handwerk - es geht um Präzision, Material, Mitarbeiter, das Miteinander.“ Dieser gelebten Vielseitigkeit zollt das Filmfestival Diagonale, wo Wüsts verschrobene bis sperrige Arbeiten schon lange präsent sind, Tribut: Es zeigt eine Auslese seiner Filme, hat ihn als Kurator des Kurzfilmprogramms „Mavericks“ und zu einer Kooperation mit dem Schauspielhaus geladen. Dort inszeniert Wüst „Fräulein Julie“ (21. März) mit Grete Tiesel, Gerhard Balluch und Julia Richter. „Mein Ansatz ist folgender: Lange nach dem Tod der Julie, 40 bis 50 Jahre nachdem sie sich umgebracht hat, ruht sie noch immer oben auf dem Dachboden des gräflichen Hauses.“

Ludwig Wüst
Ludwig Wüst: „Es klingt kitschig, aber ich gestalte das Material nicht. Ich füge ihm Liebe hinzu, Haptik, meine DNA.“ Foto ©

Die Schönheit der Leere. Sein letzter Film, „Aufbruch“ über den gemeinsamen Weg zweier aus der Gesellschaft Herausgefallener, ist sein zugänglichstes Werk. Darin zelebriert er, der die Welt stets vom Rand aus beäugt und beobachtet, die Leere einer Landschaft. „Es ist fast wie die Wüste. Das ist der schönste Ort für mich.“

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