Filmkritik"Waldheims Walzer": Ach, diese entsetzliche Lücke!

Ruth Beckermann zeichnet präzise den Bundespräsidentenwahlkampf 1986 nach und rollt die Affäre Waldheim auf. Ein bekllemmender Film. Ein Kommentar zur Zeit.

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Ab Herbst in Kino, schon jetzt mehrfach ausgezeichnet: Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer" © Diagonale
 

Er hat es also ausgesessen. Am Ende von Ruth Beckermanns Doku-Essay lässt sich Kurt Waldheim kurz vor seiner ersten offiziellen TV-Ansprache auf dem Sessel nieder. Man sieht, wie jemand sein Gesicht pudert, das Sakko abbürstet, die Reinigungskraft kehrt noch den Boden. Und Waldheim freut sich über mehr Beinfreiheit.


Er hat es geschafft. Der frühere UN-Generalsekretär und Politiker wurde in der Stichwahl am 8. Juni 1986 gegen den SPÖ-Kandidaten Kurt Steyrer mit 53,91 Prozent der Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt. Trotz der Lücken in der offiziellen Biografie zu seiner Rolle in der Wehrmacht. Trotz intensiver Recherchen, trotz internationaler Aufregung, trotz aufkeimenden Protests. Die Welt habe 1986 die „österreichische Geschmeidigkeit“ kennengelernt, erklärte Dokumentaristin Ruth Beckermann nach der Österreich-Premiere bei der Diagonale.
Die Filmemacherin (u. a. „Die Geträumten“, „Those Who Go Those Who Stay“) mit dem präzisen, politischen Blick auf die Abgründe im Nationalnarrativ zeichnet in „Waldheims Walzer“ chronologisch die letzten drei Monate vor der Kandidatur nach.

Wie Waldheim es mit den Fakten nicht so ernst nahm, wie er sich rhetorisch und, mit Unterstützung der ÖVP-Politiker Alois Mock und Michael Graff, zum Opfer der USA und des Jüdischen Weltkongresses hochstilisierte. Wie er gebetsmühlenartig beteuerte, nur seinen Pflichten nachgekommen zu sein („Ich war ein anständiger Soldat“).

Ein Film als Kommentar zur Zeit

Die 65-jährige Wienerin ruft das schamlose Verdrängen und Verleugnen beklemmend, aber nicht zornig in Erinnerung. Der Film, so scheint es, ist der richtige Kommentar zur Zeit. Auch, weil ein mittlerweile zurückgetretener niederösterreichischer FPÖ-Kandidat mit demselben Slogan wie Waldheim wahlkämpfte – „Jetzt erst recht“.


Der Film belegt aber auch, wie der jahrzehntelang gepflegte und gehegte Opfermythos langsam zu bröckeln beginnt. Zu sehen sind eigene Aufnahmen, Inneneinsichten der damaligen Aktivistin Beckermann sowie Interviews, Pressekonferenzen, Verhöre des Sohnes oder Wahlkampfszenen aus dem ORF-Archiv und internationalen Quellen. Nach dem Abspann: lang anhaltender Applaus und eine sichtlich gerührte Ruth Beckermann. Sie freue sich, den Film hier zu zeigen, „wo er auch hingehört“.

Kommentare (1)
cleverstmk
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Pferd

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