Neuer ErzählbandJohn Wray und die Logik der Paranoia

Die Erzählungen von John Wray in "Madrigal" loten die Grenzen zwischen Realem und Fantastischem aus.

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John Wray: US-Autor mit kärntnerischen Wurzeln
John Wray: US-Autor mit kärntnerischen Wurzeln © (c) Gert Köstinger
 

Mit „Retter der Welt“, „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“ und zuletzt „Gotteskind“ hat der amerikanisch-österreichische Autor John Wray schon gewichtige Romane in die Literaturlandschaft gesetzt, mit „Madrigal“ liefert er jetzt einen Erzählband mit Geschichten ab, die so raffiniert konstruiert sind, dass es einem als Leser förmlich den Boden unter den Füßen wegzieht.

Es sind oft albtraumhafte Geschichten, die naht- und übergangslos vom Realen ins Fantastische, vom Alltäglichen ins Metaphysische gleiten. „Etwas stimmt ganz und gar nicht“, heißt es an einer Stelle. Dieses unbehagliche Gefühl des schwelenden Unheils zieht sich wie ein dunkelgrauer Faden durch die Erzählungen.

John Wray, dessen familiäre Wurzeln bis ins kärntnerische Friesach reichen, besitzt großes Gespür für das Bedrohliche, das Unterschwellige. Doch nach der Lektüre ist man nicht mehr sicher, von wem die Bedrohung ausgeht und ob es diese Grenzen zwischen den Bewusstseinswelten überhaupt gibt oder wir sie uns aus Sicherheitsgründen nur ausdenken.

In der Titelgeschichte etwa telefoniert Maddy, eine Schriftstellerin mit Schreibblockade, mit ihrem Bruder, einem Schriftsteller mit Profilneurose. Nach dem Telefonat setzt sich Maddy an die Schreibmaschine, wird zu Madrigal und dringt in ein fantastisches Parallel-Universum ein. Doch wer hat die Geschichte in der Geschichte nun geschrieben? Maddy, Madrigal oder gar der Bruder? Ein faszinierendes Vexierspiel, der Boden nicht doppelt, sondern dreifach gezimmert.

In einer anderen Erzählung baut sich ein alter Mann ein „Trotzhaus“, eine Art Puppenhaus, in das er später auch einzieht. Auch hier buchstäblich ver- und entrückte Ebenen und Welten. Und immer wieder die Frage: Sind die Aktionen der Figuren irreal oder ist es die Reaktion der Gesellschaft darauf?

Eine Schlüsselerzählung in diesem Buch, in dem alle Gewissheiten schwinden, trägt den Titel „Im Bereich des Möglichen“. Auch hier gerät eine banale Alltagssituation außer Kontrolle. Wie John Wray seine Logik der Paranoia, in der auch Donald Trump einen Gastauftritt hat, begründet, ist heimtückisch, hinterlistig, aber vor allem im Bereich der größtmöglichen literarischen Verführungskunst.

Buchtipp: John Wray. Madrigal. Erzählungen. Rowohlt,
141 Seiten, 22,70 Euro. 

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