Buch der WocheDaniel Wisser erzählt von den Bruchstellen des Lebens

Daniel Wisser erzählt in seinem unterhaltsamen Roman „Wir bleiben noch“ von einer Gesellschaft im Wandel und einer Liebe, die von der Familie nicht akzeptiert wird.

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Daniel Wisser las 2011 auch um den Bachmann-Preis © Puch Johannes/ORF
 

"Die Menschen wollen nicht, dass es ihnen besser geht, sondern dass es den anderen schlechter geht.“ Vor allem geht es bergab mit der Gesellschaft, und Victor sieht überall Beispiele dafür. Der Mittvierziger ist so etwas wie der letzte Sozialdemokrat in einer Familie, in der einst sogar die feuchten Stiefel nur mit der „Volksstimme“ (ja nicht mit einer konservativen Zeitung!) ausgestopft wurden.

Der in Klagenfurt geborene und in Wien lebende Autor Daniel Wisser hat mit Victor Jarno einen klassischen Antihelden in einer schwierigen Lebensphase geschaffen: Um ihn herum ändert sich die Welt, nur er will sich nicht mitverändern. Den zeitlichen Rahmen für „Wir bleiben noch“ liefert die türkis-blaue Koalition, Ibiza und die Neuwahlen 2019. Viel Sprengstoff für eine Familie, in der die meisten Mitglieder von links nach rechts gerückt sind und sogar am 99. Geburtstag der „Urli“ das Politisieren (und Streiten) nicht lassen können. Victors Ehe mit Iris ist da bereits gescheitert, der unerfüllte Kinderwunsch hat das Paar auseinanderdriften lassen. Auch die Familiengeschichten, die Victor so gerne erzählt, mag Iris nicht mehr hören – im Gegensatz zu Cousine Karoline, die aus Norwegen zurückgekehrt ist. Dass sie und Victor ein Paar werden, sorgt für Entsetzen. Abnormal, so das Urteil der Familie. „Wir bleiben noch“, sagen Victor und Karoline.

KK
Daniel Wisser. Wir bleiben noch. Luchterhand, 480 Seiten, 22.90 Euro. © KK

Wisser, der für seinen Roman „Königin der Berge“ mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, macht sich mit subtilem Humor auf die Suche danach, wie ein Leben zwischen Weltenflucht und Realitätsanspruch gelingen kann. Dass bei aller Bitterkeit der innerfamiliären Grabenkämpfe samt Erbstreitigkeiten nach dem Tod der Urli der Ton leichtfüßig bleibt, ist eine große Qualität dieses unterhaltsamen Romans, der sich auch die Sozialdemokratie an die Brust nimmt. „Die haben einfach nicht die richtigen Leute“, sagt die Mutter. „Es geht um die Sache, nicht um Personen“, antwortet Victor.

Zur Person

Daniel Wisser, 1971 in Klagenfurt geboren, schreibt Prosa, Gedichte, Songtexte. 1994 Mitbegründer des Ersten Wiener Heimorgelorchesters, zuletzt erschien das Album "Die Letten werden die Esten sein".
2018 für den Roman "Königin der Berge" mit dem Österreichischen Buchpreis und dem Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. »Wir bleiben noch« ist Daniel Wissers fünfter Roman.
Er lebt in Wien.

Egal, es geht ohnehin nur in eine Richtung, nämlich abwärts, und zwar auch mit der Kommunikation. Von Facebook & Co. hält Victor gar nichts, gleichzeitig führen er und Karoline lange WhatsApp-Unterhaltungen – sogar, wenn sie im gleichen Haus sind. Manchmal ersetzt ein gut platziertes Emoji halt doch ein Gespräch. Daniel Wissers Buch hat sich auch ein paar verdient: lachender Smiley, Herz, Daumen hoch.

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