Buch der WocheSchnee, der auf Fabrikschlote fällt

„Streulicht“, der beeindruckende Debütroman von Deniz Rohde, ist eine Anklageschrift ohne lautstarke Anklage.

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Der Schriftstellerin Deniz Ohde überzeugt mit ihrem Debütroman
Der Schriftstellerin Deniz Ohde überzeugt mit ihrem Debütroman © (c) Heike Steiweg
 

Schnee! Aber keine schönen Flocken von oben, über die Kinder fröhlich jauchzen. Industrieschnee! Ätzend, stinkend, er kommt aus den Fabrikschloten des Ortes; niemand jauchzt, aber die Menschen hier leben davon, von den Arbeitsplätzen in den Fabriken. Für Romantik ist hier kein Platz, die kommt höchstens abends aus den TV-Geräten.

Hierher, in diesen Industriepark irgendwo in Deutschland, kehrt die Ich-Erzählerin in Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ zurück. Ein Arbeiterkind, das das Weite gesucht hatte, weil in der Nähe keine Zukunft zu haben war. Der Vater hat sein Leben lang Aluminiumbleche in giftige Laugen getunkt, die Mutter war der Enge entflohen. Jetzt sitzt der Vater in der Küche und trinkt.

Mit „Streulicht“ hat die in Frankfurt/Main lebende Autorin einen funkelnden Erstling vorgelegt. Sprachlich stellt Deniz Ohde (32) ihr Licht ganz bewusst unter den Scheffel, umso heller und kraftvoller leuchten ihre Worte und Sätze. Die Ohnmacht der handelnden Personen, die alle in ihren starren Biografien festgezurrt sind, ist raumgreifend, ein literarisches Muskelspiel nicht notwendig. Die spröde Sprache Ohdes entspricht der Industrieschnee-Landschaft.

„Streulicht“ ist eine Anklageschrift ohne anklagenden Ton. Es geht um nicht existierende Bildungsgerechtigkeit, um nur in Politikerblabla versprochene Chancengleichheit, und es geht auch um alltägliche Fremdenfeindlichkeit. Als Kind wird die Erzählerin von Mitschülern beschimpft. Die Reaktion der türkischstämmigen Mutter: „Du kannst nicht gemeint sein, du bist Deutsche.“

Für die Hochzeit ihrer beiden besten Freunde aus Jugendtagen kehrt die Ich-Erzählerin in den Heimatort zurück. Freunde, die Ballett- und Reitstunden erhielten, sie hingegen einen Schulverweis. Die Scham über das Scheitern, die stille Wut über das Nichtdazugehören, all das gärt in ihr, doch die Worte fehlen. Die junge Frau passt sich an, schweigt, erduldet – wie die Generationen vor ihr. Ein endloser Kreislauf der Resignation. „Man musste bleiben, wo man war, daran glaubte ich. Es war sicherer.“

Irgendwann, später, wird der Glauben ans Bleiben brüchig. Die Frau geht weg, schafft den Aus- und Aufstieg, kehrt zurück. Und gehört wieder nicht dazu. Ein eindringlicher, leiser Roman, der von Schieflagen des Lebens erzählt, die zum Himmel schreien.

Buchtipp: Deniz Ohde. Streulicht. Suhrkamp,
284 Seiten, 22,70 Euro.

KK
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