Buch der WocheDer Tod und die Tochter

Mit „Zorn und Stille“ hat Sandra Gugić einen pathosfreien Generationenroman über eine Migrantenfamilie geschrieben.

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Die Schriftstellerin Sandra Gugić
Die Schriftstellerin Sandra Gugić © Dirk Skiba
 

Auch die hehre Literatur ist vor Moden nicht gefeit. Die Bäume zum Beispiel haben es den Schriftstellern sehr angetan. Naturgemäß ein wichtiges Thema, aber der Wildwuchs war schon enorm. Ein noch gewichtigeres Thema, das derzeit sehr hoch im Kurs steht, sind Romane über Migranten. Das geht dann meist so: Jemand stirbt in der alten Heimat, meist der Vater, das Kind reist dorthin, alte und neue Welt prallen aufeinander, sorgsam gekittete Identitäten zersplittern wieder, Traumata brechen neu auf – und oft ist jemand unter rätselhaften Umständen verschwunden, meist ist es der Bruder.

Auch Sandra Gugić, österreichische Autorin serbischer Herkunft, kreist in ihrem Roman „Zorn und Stille“ um diesen Kosmos. Und um nicht missverstanden zu werden: Der Schriftstellerin, die schon mit ihrem ersten Roman „Astronauten“ eine kühn-sichere Schreibhand bewiesen hat, ist auch mit diesem Buch ein unprätentiöses Erzählstück gelungen. Im Hauptstrang kommt Tochter Biljana, genannt Billy, zu Wort. Eine Fotokünstlerin, unbehaust, die Beziehung zu einer Berliner Galeristin wechselhaft wie ihre Wohnorte.

Als der Vater in Wien stirbt, reist sie dem Sarg nach Belgrad hinterher. Als Gastarbeiter kamen die Eltern damals, in den 1970er-Jahren, nach Österreich, und ihr oberstes Gebot lautete: „Um keinen Preis auffallen oder Aufsehen erregen, unangreifbar sein vor dem Urteil der Anderen.“ Gegen dieses geduckte Lebensmodell der Eltern läuft die Tochter früh Sturm, reißt von zu Hause aus, und wohin auch immer sie lief, angekommen ist diese Nomadin bis heute nicht.

Vor dem Hintergrund des zerfallenden Jugoslawien entwirft Gugić eine zärtlich-wütende Familiengeschichte, die viele Emotionen enthält, doch weitgehend frei von Pathos ist. Im Zuge der Reise in ihr Herkunftsland, dem verstorbenen Vater hinterher, wird der Blick der Tochter milder.

Die Reflexion führt sie zurück in die Sommermonate bei den Großeltern, die Erinnerung bleibt an der Muttersprache hängen, die ihr immer „eckig“ aus dem Mund kam. Zorn und Stille. Für den Zorn war immer Billy zuständig, für die Stille ihre Eltern. Doch die Eindeutigkeiten schwinden gegen Ende. Der Tod liefert die Möglichkeit der Versöhnung. Im Zorn zuerst. Und dann in aller Stille.

Buchtipp: Sandra Gugić . Zorn und Stille. Hoffmann und Campe.
240 Seiten, 24,90 Euro.

KK
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