Buch der WocheIlija Trojanow macht Trump zum windschiefen Turm

Brisant, brillant, beklemmend: In "Doppelte Spur" taucht Ilija Trojanow ein in die Welt der Whistlleblower, der Fakten und Fiktionen. Und er führt vor Augen, wie massiv die Politik auf Lügen gebaut ist.

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Reise ins Labyrinth der Macht: Ilija Trojanow © S. Fischer
 

Wie viel Wahrheit braucht der Mensch? Friedrich Nietzsche war es, der diese Frage stellte. Sie besitzt noch immer erhebliche Relevanz, wenngleich unter gänzlich anderen Begleiterscheinungen. Die Wahrheit steckt in einem ständig wachsenden Dickicht, bestehend aus Lügen, Desinformationen, Fakes und Finten. Und irgendwo da mittendrin befindet sich Ilija Trojanow mit seinem neuen Werk „Doppelte Spur“, einem Zwitter aus realem Politthriller und Enthüllungsbuch.
Trojanows Protagonist heißt Ilija, er ist ein cleverer, investigativer Journalist, der gleich von zwei enthüllungswilligen Personen kontaktiert wird. Ein Whistleblower behauptet, er sei vom russischen Geheimdienst, die angebliche Whistleblowerin arbeitet für das FBI. Rasch türmen sich die Dokumente, Ilja bittet einen befreundeten Journalisten um Hilfe bei der Sichtung des Materials.

Haarsträubende Vernetzungen


„Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich“, schreibt Trojanow. Dennoch erweist sich die „Doppelte Spur“ als raffiniertes, erschreckendes und ernüchterndes Spiel mit Fakten und Fiktionen, richtigen oder falschen Fährten, dominiert von der Frage, wie seriös der Wahrheitsgehalt der Informationen tatsächlich ist.
Trojanow legt in kompakter Form die kaum noch durchschaubare Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Mafiosi offen. Etliche Bonzen tauchen mit ihrem echten Namen auf, nur Präsident Trump erhält den Beinamen Schiefer Turm, der russische Staatschef Putin heißt Mikhail Iwanowitsch, aus dem Sexmonster Epstein wird Wasserstein. Trojanow zeigt, wie lange Trump, früherer Meister der Insolvenzen, sich durch großzügige russische Finanzhilfe in Putins Hampelmann verwandelte. Andererseits erweist sich der Trump-Tower, bewohnt von dubiosen Geldhaien, Erpressern, nie verurteilten Großkriminellen und Oligarchen, als protziger Turm des Horrors und der Narrenfreiheit.

"Kakokratie"


Die „Doppelte Spur“ endet in einer Sackgasse. Wahrheit, so Trojanow eher resignativ, sei in dieser Welt nicht mehr zugänglich. Zu sehr sei sie beherrscht von einer „Kakokratie“, die primär Unsicherheit verbreiten will, „bis einzig dem eigenen Propheten vertraut wird“.
Um lügen zu können, muss man die Wahrheit kennen. Und eine Wahrheit lautet, dass dies ein Pflichtbuch ist, um sich in dieser Lügenwelt noch halbwegs orientieren zu können.

Ilija Trojanow. Doppelte Spur. S. Fischer, 240 Seiten, 22,90 Euro

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