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Buch der WocheIn Lydia Mischkulnigs Roman "Die Richterin" gerät ein Leben aus dem Lot

In ihrem zart-wilden Roman „Die Richterin“ porträtiert Lydia Mischkulnig eine Frau, die nicht nur über Asylfälle, sondern auch über ihr eigenes Leben urteilen muss.

Die Schriftstellerin Lydia Mischkulnig
Die Schriftstellerin Lydia Mischkulnig © (c) APA/ROBERT JAEGER
 

Gabrielle richtet, muss von Berufs wegen richten. Gabrielle, Richterin am Verwaltungsgerichtshof in Wien, sitzt über jene Menschen zu Gericht, die in Europa angespült wurden und die hier um Asyl ansuchen. Dann mustert sie die Akten und legt Stapel an. Der rechte Stapel ist für die simplen Fälle, der linke für die komplizierten. Gabrielle ist weder kaltblütig noch warmherzig. Sie weiß um das Elend der Menschen, für die sie mit ihrer Entscheidungsmacht das Tor in eine Zukunft entweder öffnet oder schließt; sie weiß aber auch um erfundene Fluchtgründe und Todesdrohungen, die in Kabul gegen Bezahlung bestellt werden können. All das ist belastend. Doch das Leben muss man aushalten. Sagt Gabrielle.

Mit „Die Richterin“ ist der Kärntner Schriftstellerin Lydia Mischkulnig ein fein gesponnener, doppelbödiger Roman gelungen, den man allerdings nicht (ausschließlich) als politischen Asylroman lesen darf. Denn diese Frau mittleren Alters muss nicht nur Recht sprechen und lebensverändernde Entscheidungen treffen, sie muss – besser: müsste – auch in ihrem Privatleben nach dem Rechten sehen. Und dieses Leben lässt sich nicht so einfach in Stapel einteilen.

Zur Person

Lydia Mischkulnig, geboren am 2. August 1963 in Klagenfurt, veröffentlichte 1994 ihr Debüt „Halbes Leben“. Seither zahlreiche Romane, Erzählungen,
Essays und Auszeichnungen.
Werke (Auswahl): „Schwestern der Angst“, „Vom Gebrauch der Wünsche“, „Die Paradiesmaschine“, alle im Haymon-Verlag.

Mit analytischem, präzisem Blick und glasklarer Sprache beleuchtet Mischkulnig die dunklen Flecken, die sich in dieser Vita angesammelt haben. Der torkelnde Bruder, der indirekt Schuld am Tod ihres ungeborenen Kindes trägt und den sie am liebsten tilgen möchte. Der erschöpfte Vater, seltsam blass. Die Leidenschaft zum Ehemann ist längst versickert, dessen Interesse gilt Kleidern, in die er gern schlüpft. Es sind Gabrielles Kleider. Vielleicht tut er das, um ihr zumindest auf diese Weise nahe zu sein. Und sie selbst? Die Richterin, die Schwester, die Tochter, die Ehefrau? „Sie spielte ihre Rolle jeder Sphäre angemessen gut.“ Als dann auch noch ein Unbekannter – vermeintlich oder tatsächlich – auftaucht, geraten die Waagschalen, die Gabrielle in Händen hält, endgültig aus dem Gleichgewicht.

Mit zartem, aber bestimmtem Griff legt Mischkulnig das Leben ihrer Hauptfigur auf die Hobelbank und übernimmt für sie das, wogegen sich Gabrielle wehrt. Denn: „Sie erledigte stets alles sofort, nur nicht, was ihr selbst zu Leibe rückte.“ Und dann fallen viele Späne. Was ist Recht, was rechtens, was Gerechtigkeit? Wie gelingt ein rechtschaffenes Leben und wie machtvoll sind die Unwägbarkeiten? „Die Richterin“ ist kein Gerichtsroman, kein Frauenroman, sondern, wie alle guten Romane, ein Menschenroman. Ein Roman über des Menschen Herz und darüber, wie wild es schlägt und wie leicht es aus dem Rhythmus gerät.

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