Krimi des MonatsSara Paretsky zerlegt scheinheilige Fassaden

Sara Paretsky holt mit „Altlasten“ nicht nur Polit-Leichen aus dem Keller. Sie zeigt ziestrebig und brisant die Verseuchten Staaten von Amerika, in denen auch der Rassismus nach wie vor kaum Grenzen kennt. Hochbrisant.

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Schonungslos und entlarvend: Sara Paretsky (73) © 
 

Eigentlich ist es schon seltsam. In den USA ist Sara Paretsky (73) seit Jahrzehnten eine der unbequemsten, aber auch wichtigsten und polulärsten Krimi-Autorinnen, die stets dorthin geht, wo es den verlogenen weißen US-Bürgern und Politikern sehr weh tun müsste. Mit der feministischen Ermittlerin V. I. Warshawski revolutionierte sie zudem vor rund 40 Jahren das doch recht männerlastige Genre. Ihre Protagonistin ist, deckungsgleich mit ihrer Erfinderin, zudem eine enorm engagierte Bürgerechtskämpferin, die gegen die wieder hochaktiven Rassisten auf die Barrikaden steigt.
So bekommt ihr 2017 entstandener Roman „Altlasten“ derzeit durch die großen Rassenunruhen zusätzliche Brisanz und Aktualität; zudem erklärte Präsident Trump, dass die Antifaschisten in Wahrheit Terroristen seien. Ein wichtiges Werk zur richtigen, rechten Zeit.

"Strahlende" Vergangenheit


Wobei „Altlasten“ als Krimi fast nach klassischer Methode beginnt. Die Detektivin ist auf der Suche nach einem jungen Filmemacher und einer einstigen, in Vergessenheit geratenen afroamerikanischen Hollywoodgröße. Die Spurensuche führt von Chicago nach Kansas ins anscheinend beschauliche Collegestädtchen Lawrence. In unmittelbarer Nähe des Ortes befand sich in den Zeiten des wahnwitzigen Aufrüstens aber auch eine Basis für Raketen, bestückt mit atomaren Sprengköpfen. Zudem wurden biochemische Waffen getestet.
Im Original trägt der Krimi den Titel „Fallout“, Sammelbegriff für nuklearen Niederschlag, dies verdeutlicht das zentrale Thema des Werkes.
Der vermeintliche Routinefall verwandelt sich in eine möderische Treibjagd auf Warshawski, die etliche Polit-Leichen im Keller entdeckt und daher möglichst rasch verstummen soll – um jeden Preis. Denn auch der Rassismus ist in dem verlogenen Kaff alles andere als ein Fremdwort.
Sara Paretsky hantiert nicht nur mit politischen Sprengsätzen, sie zündet diese auch, um die ohnedies windschiefe und scheinheilige Fassade der Gleichberechtigung sprachmächtig und zynisch in Kleinholz und Schutt zu verwandeln. Dass sie all ihre Entlarvungen in einen ebenso düsteren wie spannenden Crime Noir verpackt, hat, wie so oft in der anspruchsvollen Kriminalliteratur, einen simplen Grund – sie erreicht damit eine erheblich größere Leserschaft. Die ist ihr auch im deutschsprachigen Raum zu wünschen, die Zeit ist mehr als reif dafür.
Sara Paretsky. Altlasten. Ariadne. Ins Deutsche übersetzt von Laudan & Szelinski. 544 Seiten, 24,70 Euro.

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