MeisterwerkRichard Russo: Leuchtspuren der Erinnerung

Brillant erzählt, weise und klug. Mit „Jenseits der Erwartungen“ setzt Richard Russo seine tiefgründigen Alltags-Chroniken fort und unterstreicht seinen Status als großer amerikanischer Autor und Seelenforscher.

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Große amerikanische Erzählkunst: Richard Russo (71) © AP
 

Zusammenhalt und durch nichts erschütterbare Freundschaft ist es, die sich die drei Studenten in ihren gemeinsamen Universitätsjahren schwören, den drei Musketieren gleich. Ein fast naives und weltfremdes Versprechen, aber es überdauert die Jahre und Jahrzehnte. Kontakte blieben bestehen, aber nur spärlich. Zu unterschiedlichen verliefen die weiteren Lebenswege, zu groß wurden die geographischen Distanzen. Ehe sie sich, allesamt 66 Jahre alt, zu einem gemeinsamen Wochenende samt Wiedersehens-Party treffen. Auf der noblen Ferieninsel Martha’s Vineyard treffen, aber keineswegs, weil sie in Luxus baden. Lincoln, einer aus dem Trio, erbte auf dem Lieblingseiland von Barack Obama eine auch schon in die Jahre gekommene Villa, die er, notgedrungen und aus finanziellen Gründen, verkaufen möchte oder muss. Der halbwegs erfolgreiche Immobilienmakler rutschte nach dem großen Börsencrash in Richtung Pleite.

Fern von Träumen


Der zweite Jugendfreund, Mickey, kommt mit einer Harley Davidson angeknattert, er hält sich als unverwüstlicher Rockmusiker einigermaßen über Wasser. Und der dritte im Bunde, Henry, begab sich auf spirituelle Pfade. In einem Kleinverlag publiziert er, mehr schlecht als recht, religiöse Sachbücher.
Drei Durchschnittsmenschen, die mit dem großen amerikanischen Traum nie etwas im Sinn hatten und ein Arrangement mit dem für sie bestimmten Dasein trafen. Und doch setzt ihnen der US-Autor Richard Russo (71) mit seinem neuen Epos „Jenseits der Erwartungen“ ein markantes, wunderbares Denkmal. Stets richtet Russo in seinen Werken sein Augenmerk auf anscheinend bedeutungslose Alltagspersonen. Im Wissen, dass sich tief im Inneren dieser Menschen enorme Welten auftun können, geprägt durch Schicksalsschläge, kleine und große Tragödien, aber auch durch Momente großer und echter Glücksgefühle auftun können. Russo ist ein Meister der seelischen Tiefenbohrungen, Schicht um Schicht dringt er ein in Geheimnisse, die das Trio, trotz aller versprochenen Offenheit, in sich trägt.

Liebe ihres Lebens


Zumal es noch eine vierte, wichtige Person gibt, die bei dem Treffen nicht mehr präsent sein kann: Jacy, Lebenskünstlerin, ebenfalls Uni-Studentin, in die sich alle drei Kumpane damals rettungslos verliebt hatten. Kurz nach dem Abschlussfest verschwand Tracy spurlos; sogar ein Gewaltverbrechen wurde nicht ausgeschlossen.
„Jenseits der Erwartungen“ ist ein grandios inszeniertes, spannendes Spiel der Erinnerungen. Einerseits ist die Geschichte angesiedelt im Jahr 1972, andererseits im Jahr 2016, in den Wahlkampfzeiten von Mister Trump. Die soghafte, oft dezent ironische Erzählweise von Richard Russo, sein virtuoses Pendeln zwischen der Vergangenheit, noch überschattet vom Vietnamkrieg, und der Gegenwart, noch immer geprägt durch Rassismus und Frauenfeindlichkeit, ganz zu schweigen von grenzenloser politischer Dummheit, verwandeln dieses eindringliche, berührende Werk in ein amerikanisches Sittengemälde, mit scharfen Konturen und Kontrasten – und reich an überraschenden Wendungen und Einsichten.


Richard Russo. Jenseits der Erwartungen. Dumont, 432 Seiten, 22 Euro.

 

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