Buch der WocheGertraud Klemms neuer Roman: Rache mit Seepferdchen

Wenn sonst nichts hilft, dann gebrauchte Windeln: Gertraud Klemm legt mit „Hippocampus“ ein zorniges Gleichbehandlungspaket vor.

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Gertraud Klemm
Abrechnung mit der Männerwelt: Gertraud Klemm © Pamela Russmann
 

Gertraud Klemm hat es diesmal zwar nicht auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft (wie 2015 mit „Aberland“). Aber in ihrem neuen Roman ist eine vergessene Autorin der feministischen Avantgarde der heißeste Tipp für die Auszeichnung. Blöd nur, dass Helene Schulze tot ist. Die Schriftstellerin hat sich in ihrem Haus im Höllental (sic!) zu Tode gesoffen. Ihre Freundin Elvira Katzenschlager soll den Nachlass verwalten und Interviews über die Tote geben.


Elviras Lust zu funktionieren, ist endenwollend: Sie muss in kleinen Schritten auf Helenes Tod zugehen. Aber die Windelsäcke, die immer am ersten Montag im Monat vor den Haustüren stehen, vermiesen ihr alles.
Der Wasserspender mit der Bronzeplakette „1963 unter Bürgermeister Dr. Friedrich Mosslechner errichtet“ fordert Elvira als Konzeptkünstlerin heraus: Als Hinweis auf die Leistung von Mosslechners Frau, die in der Zeit vier Kinder großgezogen hat, ergänzt sie die Huldigung des Bürgermeisters mit einer Installation vollgeschissener Windeln.


Klemm ist richtig wütend auf eine patriarchalische Gesellschaft, die Leistungen von Frauen geringer schätzt. Sie kritisiert aber auch, dass Frauen ihre Chancen sausen lassen und ins traute Heim flüchten. Die Feministin Elvira wird für sie zur Speerspitze, die sich sogar gegen Pferdehoden richtet: Schon darüber nachgedacht, wieso bei Reiterstandbildern die Helden stets auf Hengsten sitzen? Klemms Blick auf Details, die (nur aus alter Gewohnheit?) oft unter den Tisch fallen, ist brutal, ihre Beschreibungen sind exakt bis schonungslos, die Formulierungen pointiert und von eiskaltem Witz. Ihre Position ist eindeutig feministisch und in diese zwingt sie die Leserinnen und Leser hinein. Das ist zugegeben etwas mühsam.

Trächtige Männchen


Als Elvira den talentierten Kameratechniker Adrian als Hilfskraft für ihre provokanten Aktionen anheuert, hält der den männlichen Blick dagegen. In einem alten Campingbus startet das ungleiche Duo einen Rachefeldzug, um die zu Lebzeiten verabsäumte Würdigung von Helene und ihren Ideen nachzuholen. Gebrauchte Windeln werden zu Installationen, Skulpturen von Komponisten in Frauen verwandelt, einem Kriegerdenkmal wird eine Riesenvulva verpasst.


Und immer signiert Elvira mit einem Seepferdchen, einem Hippocampus. Bei den Tierchen werden die Männchen trächtig. Und der Teil des Gehirns, der für Gedächtnis und Lernen zuständig ist, heißt auch so. Sollte man sich merken.

Zur Person

Gertraud Klemm, geb. 1971 in Wien, Biologiestudium. Seit 2006 Autorin und Schreibpädagogin.
Romane: „Herzmilch“, „Aberland“, „Muttergehäuse“, „Erbsenzählen“.

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