„Mein Leben steht kopf. Meine Literatur ist ein Trümmerhaufen. Ich muss rational bleiben, deshalb hab ich mir auch dieses Heft gekauft, um mein Protokoll zu führen, mit der Hand, in ganz altmodischem Stil.“
Die namenlose Icherzählerin in dem dystopischen Roman „Neverend“ von Aleš Šteger leidet an einer Schreibkrise und droht in einer Depression zu versinken.
Ihr inneres Chaos wird durch die Außenwelt gespiegelt, „rational“ ist dem nicht beizukommen: Die EU liefert sich einen Handelskrieg mit dem Rest der Welt (in den Supermärkten gibt es keine Bananen mehr!), in immer mehr Staaten kommen Populisten an die Macht, und auch in Slowenien drohen der Wechsel zu einem Rechtspopulisten und ein Bürgerkrieg. Ständig in Geldnot übernimmt die Schriftstellerin zu Beginn des auf drei Erzählebenen spielenden Romans einen Kurs für kreatives Schreiben für Gefängnisinsassen.

Štegers Buch erschien in seiner Heimat Slowenien bereits 2017 – Jahre vor dem Ukraine-Krieg. Erzählt wird nicht realistisch, es ist keine Erinnerungsprosa, wie sie der kürzlich verstorbene Boris Pahor schrieb. Dennoch sind es düstere Erzählungen aus den realen Jugoslawien-Kriegen, die aus den Texten der Häftlinge zu der Workshop-Leiterin sprechen. Bildstark wird da von Massengräbern und brennenden Asylantenheimen berichtet, von Krieg und Hass. Doch das politische Chaos und das private der Erzählerin macht der Autor eindringlich mit surrealen, berührenden Bildern fest.

Soll man so etwas jetzt lesen? Wo die Nachrichten seit Monaten von Gräueltaten handeln, nicht weit von uns entfernt? Wo man die Pandemie vergessen, den Sommer genießen will? Ja, man soll es lesen. Nicht nur als Warnung, sondern weil es teils in einer so poetischen Sprache verfasst ist, dass man den Lyriker Aleš Šteger heraushört. Weil viel Witz in den leitmotivisch eingesetzten Bananen steckt und in der Figur des Geliebten der Erzählerin, der Kafka heißt. Und weil die dritte Erzählebene eine Geschichte für sich ist: Darin schreibt die Autorin in der Schaffenskrise endlich an ihrem historischen Roman über einen Tiroler Naturforscher und seine Freundschaft zu Carl von Linné.
Aleš Šteger. Neverend. Aus dem Slowenischen von M. Göritz/ A. N. Zaleznik. Wallstein, 464 Seiten, 26,80 Euro.