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Interview mit weißrussischen Autoren"Ich stelle mir eine Kreatur mit Krone vor, die über uns regiert"

Die Grazer Stadtschreiberin und der aktuelle Writer in Exile halten zurzeit gemeinsam die Stellung im Cerrini-Schlössl auf dem Grazer Schloßberg die Stellung. Volha Hapeyeva und ihr weißrussischer Landsmann Uladzislau Ivanou über die Lage in ihrer Heimat, bedrohliche Worte und den Namen des Virus.

Stadtschreiberin in Graz: Volha Hapeyeva © Jorj Konstandinov
 

Existiert im Weißrussischen eigentlich ein Wort für Lagerkoller?

Volha Hapeyeva: Es gibt kein Wort dafür, ich würde es aber als „turemny schal“ übersetzen, als Gefängniswahnsinn. Das Konzept der Chronophobie beschreibt, was wir jetzt erleben: nicht so sehr den Schmerz oder die Neurose, in einem bestimmten Raum isoliert zu sein, sondern eine unkontrollierte Angst vor der Zeit. Das Schreckliche ist jetzt das Unbekannte, wann das alles endet.
Uladzislau Ivanou: Dank meines Optimismus und der Luxusbedingungen der literarischen Residenz in Graz fühle ich mich von dieser Neurose nicht betroffen. Die künstlerische Residenz impliziert ja schon eine gewisse Isolation. Als Schriftsteller ist es für mich selbstverständlich, für einen bestimmten Zeitraum isoliert zu sein.

In Belarus regiert ja mit Alexander Lukaschenko der letzte echte Diktator Europas. Welche Beschränkungen gibt es in dem Land, in dem sogar noch Fußballmeisterschaft gespielt wird?
Hapeyeva: Wie ich von meinen Freunden weiß, ist die Gesellschaft wieder einmal gespalten, was für Belarus üblich ist. Einige tun, als ob alles in Ordnung wäre, andere würden strengere Maßnahmen unterstützen.
Ivanou: Wie man sieht, reagiert der letzte Diktator auf die Pandemie wie ein echter Apparatschik des sowjetischen Systems. Weißrussland lebt weiter, als wäre nichts passiert. Es gibt keine Einschränkungen, keine Quarantäne, keine seriösen Informationen. Zweifellos wird diese Nachlässigkeit und Inkompetenz in Zukunft als Verbrechen gegen das Volk thematisiert.

Wie ist die Stimmung in Minsk?
Hapeyeva: Ich spreche jeden Tag mit meiner Mutter und kommuniziere mit Freunden. Die Stimmung ist verzweifelt, aber die Menschen haben sich nach so vielen Jahre an dieses Regime gewöhnt, sie versuchen nur zu überleben. Eines der Mittel ist der Humor, im Internet kann man die Bilder darüber finden.
Ivanou: Ich komme aus Vitebsk, einer großen Stadt im Norden, der Stadt von Marc Chagall. Alle meine Verwandten sind dort, ich bin in Kontakt mit ihnen. Und sie sind alle aus einem einfachen Grund in Panik: dem Mangel an Information.

Uladzislau Ivanou aus Weißrussland Foto © KK

Was kann Literatur in solchen Zeiten bewirken?
Hapeyeva: Ich habe einen tiefen Gedanken in der Grazer Landesbibliothek gefunden: Das Böse hat keine Existenz an sich, sondern ist bloß die Abwesenheit des Guten (Mahatma-Briefe, 1882). Deshalb ist es so wichtig, das Gute zu „produzieren“. In unserem Fall sind alle Maßnahmen gut, Gesang, Schreiben von Briefen, Rezitieren von Videogedichten, Pflanzen von Blumen. Es gibt keine kleinen Dinge.
Ivanou: Schauen Sie nach Frankreich und Österreich, die Epidemie hat das Interesse an Albert Camus’ Roman „Die Pest“ wiedererweckt. Ich habe kürzlich einen Artikel für belarussische Leser mit dem Titel „Literaturtherapie in Zeiten einer neuen Pest“ geschrieben. Darin schreibe ich, was Literatur jetzt geben kann. Schriftsteller waren immer die Ersten, die sich Katastrophen vorstellten und Modelle der Resistenz vorschlugen, zumindest gegen den Virus Stress. Mary Shelley („Der letzte Mensch“), Jack London („Die Scharlachpest“), Albert Camus („Die Pest“), José Saramago („Die Stadt der Blinden“) und viele andere können jetzt hilfreich sein.

Solche Krisen evozieren auch eine bisweilen unheimliche Nomenklatur, die oft zu geflügelten Worten führt. Wie sehen Sie die Sprache in Zeiten, in denen erstmals die gesamte Welt von derselben Bedrohung spricht?
Hapeyeva: Mein guter Freund und Dichter Mohan Rana, der in England lebt und auf Hindi schreibt, sagt, dass die neue Sprache danach erscheinen wird. Er meint freilich nicht die Sprache, wie sie ist, sondern das Kommunikationsmittel. Da stimme ich zu, denn nach jedem ernsthaften Trauma der Menschheit wie 9/11 oder Kriegen ändern sich bestimmte Worte oder Konzepte, ihre Bedeutung. Beleidigungen werden durch Euphemismen ersetzt, und aus einfachen Worten werden Konzepte wie Lager, das Braune, gelber Stern, Isolation, Terrorismus, Quarantäne. Persönlich stelle ich mir unter diesem Virus, das den noblen Namen Corona – die Krone – trägt, eine Kreatur vor, die diese Krone trägt und mit großer Macht über uns regiert.
Ivanou: Das Wort Corona ist komisch, aber besser als diese schreckliche Covid-19-Abkürzung. Abkürzungen versetzen mich immer in den Kontext von George Orwells Roman „1984“. Worte wie Ausgangsverbot, Isolation, Quarantäne, neue Pest, Social Distancing machen mir Angst, und ich finde mich in einem Science-Fiction-Roman wieder. Diese Wörter waren immer virtuell, distanziert, abstrakt und wurden plötzlich real, was einen Schock auslöste.

Die beiden Autoren

Volha Hapeyeva: Geboren 1982 in Minsk. Veröffentlichte mehrere Bücher, ihre Gedichte wurden in zehn Sprachen übersetzt. Bis August wohnt sie als Stadtschreiberin im Cerrini-Schlössl am Schloßberg.

Uladzislau Ivanou: Geboren 1978 in Minsk. Er ist Schriftsteller, Politologe, Übersetzer und Kulturwissenschaftler. In Vilnius lehrt er an der European Humanities University. Als Schriftsteller führt er auch den Mädchennamen seiner Mutter Harbacki.

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