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Valerie Fritsch: "Mein Europa"Ort der Gleichzeitigkeit

„Mein Europa“ habe ich mir altmodisch erarbeitet: mit Händen und Füßen und jedem mir zur Verfügung stehenden Sinn und Unsinn.

Bulgarische Aussicht oder die Gleichzeitigkeit von Zerfall und Schönheit
Bulgarische Aussicht oder die Gleichzeitigkeit von Zerfall und Schönheit © Martin Schwarz
 

Ich bin geboren in einem Jahr, das grenzmüde war, überdrüssig aller Mauern, übersättigt von Verboten. Der Eiserne Vorhang fiel im Weltbühnenstück, im frenetischen Applaus des Zu-Ende-Gehenden und des Beginnenden, im lauten, großäugigen Staunen derer, die an die Freiheit dachten, als etwas, das man nicht nur denken kann, aber auch leben muss. Ich bin aufgewachsen mit der abstrakten Idee von offen stehenden Türen und weit aufgerissenen Augen. Kaum war ich alt genug, dass die Älteren einen zu jung finden konnten, habe ich es mit jeder einzelnen Freiheit sehr genau genommen. Ich dachte mir, man müsse sie benutzen, sonst verschwinde sie wieder.
Der Heimatort wurde zum Ausgangspunkt. Ich habe mir Europa altmodisch erarbeitet, jenseits der politischen und historischen Dimensionen, aber mit Händen und Füßen und jedem mir zur Verfügung stehenden Sinn und Unsinn, einer hungrigen Neugier und Entdeckerwut, und dem dreisten, glücklichen Wunsch, alles Mögliche und Unmögliche zu sehen. Ich bin gereist, immer dem Roulette der Kompassnadeln hinterher. Zu den weißen Stellen meiner persönlichen Landkarte, den unbekannten Plätzen, an denen man in alten Zeiten Löwen und Drachen vermutet hatte, zu den ureigenen Hic-sunt-Leones-Markierungen. Alle Himmelsrichtungen waren nur Wegweiser, denen man folgen konnte, die Freiheit Leuchtfeuer, Krückstock und Wanderstab.

Überall fremd, überall zu Hause

So sehr ich das Abstrakte liebe, so gern mag ich mitunter das Gegenteil: seine konkrete Entsprechung. Mein Europa ist der Ort zur Idee. Ein Stückchen Erde, eine anwesende Welt der Steine, Meere, Wiesen, Felder und Wälder, der Himmel, Städte, Berge und der sie bewohnenden Menschen. Lebende und belebte Formen. Es gibt so viele Landschaften hier, dass, wenn man im Auto mit der einen vor dem Fenster einschläft, man mit einer anderen wieder erwacht. Öffnet man die Augen, ist die Welt um einen stets schon neu, ausgewechselt, von sich selbst bekehrt. Mit den Kilometern ist mir der Kontinent als eine Geographie der Heimat, in der man zuerst überall fremd und später überall zu Hause ist, gewachsen, innendrin, mitten im Hirn. Man schaut und schaut. Die Bilder, die man behält, könnten unterschiedlicher nicht sein. Wer das eine kennt, kann sich das andere oft nicht vorstellen.
Wer mit diesem vertraut ist, zweifelt an jenem, wem das Erste einleuchtet, scheint das Nächste schon unmöglich. Nichts fällt einem oft leichter, als sich vor der widerborstigen Gleichzeitigkeit der Dinge zu erschrecken. Nicht alle Bilder gehen gut zusammen. Die Welt passt nicht unter den Hut, lässt sich im Zylinder auch mit dem großen Zaubertrick des Sammelbegriffes nicht in einen widerspruchsfreien Ort verwandeln. Die Einzelheiten bleiben, liegen eng nebeneinander, scheren sich nicht um Gegensätze und wissen nicht um ihre ausgedachten Unvereinbarkeiten. Die Wirklichkeit ist gnadenlos und gnadenlos uninteressiert an Harmonie und Vorurteilen über sie. Dass einzelne Kleinigkeiten dem Großen nicht gerecht werden, aber mal unbeeindruckt, mal quietschfidel koexistieren, hat mir immer gefallen.
Es gibt in Europa die Abermillionen Gesichter der rumänischen Sonnenblumen, die dem Licht und der Dunkelheit hinterhersehen, und die schiefen Strommasten auf den Feldern Bulgariens, die höflichen Romakinder in der Slowakei mit Zigaretten im Mundwinkel, deutschen Großstadtglanz und –nordische Seen und südliche Kälte, Fabriken und Brache, Armut und Reichtum, Religionen und Drogen, mondäne Überheblichkeit und mondäne Bescheidenheit, karge, stumme und übervolle Landschaften, das eine und das andere, immer zeitgleich. Und überall habe ich leere Orte gesehen, kein Land hat sie nicht. Sie sind mir immer nah gewesen, die verlassenen Bauernhäuser und aufgelassenen Tankstellen, die halb eingestürzten Kirchen mit Singvögeln auf den morschen Bänken, ohne Kreuze, ohne Götter. Industriekathedralen, kühl und still, voll mit verschwommenem Licht. Monumente abgelaufener Zeit und vergangener Grausamkeit, von der Geschichte geeint. Speicher der alten Dinge. Aufgegebene Dörfer, verlorene Menschen. Und mehr als in allem sonst habe ich in diesen Leerstellen Gemeinsamkeiten gefunden.

Mozart und Hitler

Als wer man gilt, lernt man oft von Fremden, sie beantworten einem die großen Identitätsfragen ungefragt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Im weiter entfernten Ausland ist Europe der wichtigste Hinweis, um sich Österreich auf der Weltkarte vorstellen zu können und Australia und Austria elegant unterscheiden zu können. Wer für die Verortung von den Kängurus schweigen will, spricht von Europa. An der aserbaidschanischen Grenze hat ein Zollbeamter mit einem gestrengen Blick auf meinen Pass hocherfreut „Mozart!“ ausgerufen, am Flughafen in Eritrea jemand begeistert „Hitler!“ gebrüllt, in Peru ein junger Herr, die Augen auf die europäischen Sterne geheftet, strahlend festgestellt, ich müsse also Griechin sein.
Und bei der Einreise von Ghana nach Togo, im Zuge derer ein Uniformträger mir erst vor einem Schranken aus einem zwischen zwei Stipfeln aufgehängten Bindfaden einen Stempel ausstellte, um sodann diesen von ihm ausgestellten Stempel hinter ebendiesem Schranken sorgfältig zu kontrollieren, versuchte man mich mit Verweis auf meine Herkunft lächelnd mit blutigen Weltkriegsgeschichten zu unterhalten.
Die Grenzmüdigkeit meines Geburtsjahres ist verflogen, und das Grundbedürfnis nach Freiheit wankt für jeden, der sich ebendiese Freiheit als Erlösung vorstellt, als Kraft ohne Gewicht, als Schwerelosigkeit ohne Bürde, als einfache Idee ohne komplizierte Konsequenz. Dass Eu nicht nur ein politischer Begriff ist, sondern auch ein Elementsymbol, habe ich erst kürzlich gelernt. Europium ist ein silberglänzendes Schwermetall mit der Ordnungszahl 63, dessen Fluoreszenz auf Euro-Banknoten vor Fälschungen schützen soll, und überdies in Leuchtstoffen und Plasmabildschirmen verwendet wird. Es kann, richtig eingesetzt, beim Leuchten helfen.

Zur Person:
Valerie Fritsch, geboren am 14. Mai 1989 in Graz, ist Schriftstellerin und Fotokünstlerin. Große Aufmerksamkeit erreichte sie mit ihrem Roman „Winters Garten“, erschienen 2015 im Suhrkamp-Verlag.
Derzeit arbeitet Fritsch, die immer wieder ausgedehnte Reisen in Europa und Afrika unternimmt, an ihrem neuen Roman, der im Frühjahr 2020 erscheinen soll.


KK Die Schriftstellerin Valerie Fritsch
Die Schriftstellerin Valerie Fritsch © KK

 

 

 

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