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Literatur

Romandebüt von Sonja Harter

Die junge österreichische Lyrikerin Sonja Harter legt ihren ersten Roman vor - Missbrauchsgeschichte zwischen Aufbruch, Ausbruch und Ausbeutung.

Sonja Harter: die Lyrikerin schrieb ihren ersten Roman © Christian Jungwirth
 

Ein minderjähriges Mädchen, das sich nach dem Abenteuer sehnt; ein alleinerziehender Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau verschließt und vom Leben überfordert ist; ein französischer Untermieter, der freundliches Interesse an dem Kind zeigt. Das kann nicht gut gehen. Das geht auch nicht gut aus. "Weißblende" von Sonja Harter ist eine Coming-of-Age-Story, die wehtut. Eine Missbrauchsgeschichte.

Harter (33), in Graz geboren und in Wien als Kulturjournalistin für die APA tätig, hat mit ihren Lyrikbänden (zuletzt "landpartie-storno", 2015) einen eigenen Stil bewiesen. Heutiges Lebensgefühl fand sich darin zu Geweben verdichtet, in denen Lakonie und Nüchternheit auf Momente von Sehnsucht und Hoffnung trafen. Mit "Weißblende", ihrem Debüt im Luftschacht Verlag, legt sie nun ihren ersten Roman vor. Er ist nichts Halbherziges, Zaghaftes, sondern ein Wagnis, sprachlich wie inhaltlich.

"Früher begann der Tag mit einer Schußwunde", hieß 1969 Wolf Wondratscheks Kultbuch. "Der Tag beginnt mit einer Weißblende", startet Sonja Harter in ihr Buch. Es ist ein furioser Auftakt, der keine Zurückhaltung kennt. "Sitze hier seit Tagen, Wochen, zwischen unsteten Raumgrenzen, kämpfe gegen den unabwendbaren Kurzschluss an, während sie eine Pille nach der anderen ausprobieren, mich die Anfälle protokollieren lassen, ich mir den Stift in den Hals ramme, in die Handgelenke, zwischen die Beine. Nichts hilft. Die Tür zu meinem Bewusstsein geht jeden Tag einen Wimpernschlag schneller zu, ich kann noch Licht erkennen, aber nichts als Neon. Ein Gleißen, dass dir Hören und Sehen vergeht. Tag und Nacht. Ich will die Augen gar nicht mehr aufmachen."

Wahnsinn und Wahrhaftigkeit

Es sind zwei, auch im Schrifttyp unterschiedene, Erzählstränge, die in "Weißblende" parallelgeführt werden. Zum Anstaltsalltag einer jungen Frau, stets zwischen Wahnsinn und Wahrhaftigkeit kippend, kommt die Geschichte von Matilda, einer alleine bei ihrem Vater aufwachsenden Schülerin, deren Neugier, Wachheit und Intelligenz kaum Resonanz erhält. Das Dorf Unteraubach, in einem "dreifaltigen Tal (Autobahn, Hochspannungsleitung, Zugstrecke)" gelegen, wird von ihr als Ende der Welt empfunden, dem es möglichst rasch zu entkommen gilt. Auch diese Beschreibungen der lähmenden ländlichen Ödnis und der familiären Sprachlosigkeit gelingen Harter scharf, präzise und unbarmherzig.

Bald ahnt man, dass sich die beiden Stränge treffen werden, dass es Matildas Erlebnisse sein werden, die einen Filmriss, einen Festplattenabsturz verursachen. Die Andeutungen häufen sich, dass hier keine heile Welt zu finden ist. "Alles Fremde ist gefährlich", heißt es, und vor "'kindafazaran' ist auch dieses Tal nicht gefeit". Regelmäßig ergeht sich die Schuldirektorin in düsteren Warnungen, und als eines Tages eine 14-jährige Mitschülerin abgängig ist, wird sie schließlich im Keller des Schulwarts gefunden, "dehydriert und blutig".

Ignoranz und Enge

So dick Harter hier aufträgt, so sensibel widmet sie sich ihrer frühreifen Ich-Erzählerin. Roald Dahls Roman über ihre ebenfalls gewitzte, hochbegabte und an der Ignoranz und Enge ihrer Umgebung leidende Namensvetterin hat Matilda bereits mit Neun gelesen. Für die beginnenden Sommerferien bittet sie, die keine Lust hat, sich am Treiben der Dorfjugend zu beteiligen, den Deutschlehrer extra um eine Leseliste. Goethes "Werther" zeigt auch noch heute Wirkung. Liebe, Lust und Leidenschaft sind allerdings Begriffe, die erst selbst erlebt und eingeordnet werden müssen.

Längst hat Matilda, die "den größten Busen von allen" Alterskolleginnen hat, das erwachte, doch meist verschämt und versteckt gezeigte Interesse der Männerwelt an ihr registriert und versucht, damit umzugehen. "Das sich langsam vortastende Ausloten der Grenzen geschieht in völliger Deckung." Die Mutter tot, der Vater weitgehend verstummt, fehlt dem Mädchen allerdings jede Möglichkeit des Austausches. Das Elternhaus gleicht einem Geisterhaus, in das erst Leben kommt, als sich der Vater zum Vermieten des stets versperrten, nie benötigten zweiten Kinderzimmers entschließt.

Kitsch und Sex

Der als Untermieter einziehende Franzose (ihm ausgerechnet den Namen Alain Bonmot zu geben, war keine gute Idee) wird mit einem Mal alles, was Matilda vermisst hat: Gesprächspartner, Vaterersatz, Freund und Liebesobjekt. Er sorgt dafür, dass das Mädchen den vom Vater ängstlich gehüteten Familiengeheimnissen um Mutter und Großmutter auf die Spur kommt, und dass ihre Sehnsucht immer größer wird. Harter vermeidet "Lolita"-Kitsch und beweist bei der Beschreibung sexueller Details Zurückhaltung, dennoch ist das, was "Weißblende" in der zweiten Hälfte bereithält, ziemlich heftig und mag mitunter auf den Effekt hin kalkuliert wirken.

Eindeutig geht es Harter um das Opfer, das sich erst spät als Opfer zu begreifen beginnt. Bonmot ist kein Guter, doch in der Grelle der Ereignisse bleiben er, seine Persönlichkeit und seine Motive, ziemlich diffus. Die gleißende "Weißblende" hinterlässt jedenfalls beim Lesen ein Nachbild, einen düsteren Schatten, den man nicht so leicht loswird. Da passt der wohl nicht ohne Selbstironie gesetzte Schlusssatz: "Das Bild ist unscharf, aber der Ton ist hervorragend."

"Weißblende" von Sonja Harter, Luftschacht Verlag, 204 Seiten, 20,60 Euro

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