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Bachmannpreis 20203. Lesetag: Großes Lob für Freudenthaler, herbe Kritik für Haider

Höchst unterschiedliche Texte der Österreicherinnen Lydia Haider und Laura Freudenthaler - Haider fiel mit "Der große Gruß" durch - Freudenthaler deutlich Anwärterin für einen Preis.

BACHMANN-PREIS: INTERVIEW MIT AUTORIN LAURA FREUDENTHALER
Preisverdächtig: Laura Freudenthaler © APA/ROBERT JAEGER
 

Der Vormittag des dritten und letzten Lesetags der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur gehörte den österreichischen Stimmen: Mit Lydia Haider und Laura Freudenthaler gab es zwei sehr unterschiedliche Auftritte. Am heutigen letzten Lesetag brachte sich Freudenthaler für einen der Preise ins Spiel, davor musste Haider einige Kritik einstecken.

Die 1985 in Steyr geborene und in Wien lebende Lydia Haider trug mit "Der große Gruß" eine gewohnt ruppig-politische Wutrede rund um Hunde und Waffengewalt vor, der besonders dadurch hervorstach, dass er aus einem einzigen Satz besteht. So heißt es darin etwa: "... zur Sache und Verständnis als Vorspann für alles Dämliche in der Welt, da es überquillt lang und längstens und so muss gesagt werden, was die Sager nicht sagen, schau hin Wichsbirne, wo leuchtest du noch...". Anders als viele ihrer Kollegen meldete Haider sich in der vorab aufgezeichneten Lesung aus einem Wiener Beisl. Eingeladen worden war die Germanistin und zweifache Mutter von Jurymitglied Nora Gomringer.

Diese war es denn auch, die als einzige versuchte, den Text zu verteidigen. Insa Wilke fühlte sich an den Wiener Aktionismus erinnert und fragte: "Meint der Text, dass das Ganze wiederholt werden muss? Eine Wiederbelebung, ohne dass etwas dazu kommt, hat für mich wenig Wirkung." Den sich "nicht steigernden Maximalismus der ersten Seiten", der sich in Folge nicht mehr steigern ließe, kritisierte Juryvorsitzender Hubert Winkels, der dem Text "vielfältige Probleme attestierte" und monierte, dass der im Text geäußerte Hass "keinen Gegenstand außer sich selber" habe. Auch Klaus Kastberger konnte "wenig damit anfangen", Haider betreibe einen "riesigen rhetorischen Aufwand", der Text sei "eine Wutrede, mir ist aber nicht klar, wen er eigentlich adressiert". Hier spreche eine Art "Rachegöttin im Hausmeisterinnen-Ton". Fazit: "An mir ist der Text vorbeigegangen."

Philipp Tingler löste gleich zu Beginn eine Kontroverse aus, als er sogleich die Autorin fragte, welches Anliegen sie verfolge. Brigitte Schwens-Harrant hob die "hohe Künstlichkeit" der Sprache hervor, die allerdings Distanz zum Thema schaffe. Nora Gomringer versuchte vergeblich zu erklären, dass der Text auf eine kollektive Bedrohung hinauslaufe. Als performativen Schlussakt lieferte Haider - umringt von lautstarken Fans mit Transparenten - einen kaum verständlichen Schlussmonolog, was Kastberger zu einer bissigen Zusammenfassung verleitete: "Der Text ist im eigenen Jubel untergegangen."

Bachmannpreis 2020: Fotos vom Wettlesen

Kein Publikum und die Juroren über die Bildschirme zugeschaltet: Der Bachmannpreis schaut heuer ganz anders aus.

(c) ORF (Johannes Puch)

Musste doch die Literaturveranstaltung coronabedingt ins Netz verlegt werden.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Der ORF betreibt dafür einen beachtlichen technischen Aufwand.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Im ORF-Garten sind  Heinz Sichrovsky und Julya Rabninovich zu Gast - sie kommentieren zwischendurch das Wettlesen von einem Balkon aus.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Ansonsten ist der Garten heuer menschenleer.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Die Juroren werden per Videoschaltung zugeschaltet . . .

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

. . . während der Moderator Christian Ankowitsch sich in einem eiförmigen Sitz entspannen darf.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Mehrere Perspektiven gibt es auch bei den voraufgezeichneten Videolesungen der Autoren.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Die sind via Skype bei den Jurydiskussionen dann auch live zugeschaltet.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Klicken Sie sich weiter durch.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)
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Laura Freudenthaler

Die 1984 in Salzburg geborene und seit ihrem Studium (Germanistik, Philosophie und Gender Studies) in Wien lebende Autorin Laura Freudenthaler ("Die Königin schweigt", "Geistergeschichte") bildete mit ihrem ruhigen Vortrag von "Der heißeste Sommer" schließlich einen deutlichen Kontrast zur vorherigen Lesung. Ihre Erzählerin beobachtet mit mysteriösen, blutigen Lippen das Aufkommen einer Feldmaus-Plage in einem Dorf sowie das langsame Voranschreiten von Erdfeuern, die aufgrund der Trockenheit um sich greifen. "Erdfeuer verbinden Oberwelt und Unterwelt. Sie verbrennen, was dem Erdreich angehört, und atmen den Sauerstoff der Atmosphäre. Zum Einschlafen frage ich mich, ob man, wenn das Feuer im Schlaf kommt, von der Wärme wach wird, vom Geruch oder von den Geräuschen."

Bachmannpreis 2020: Fotos vom Wettlesen

Kein Publikum und die Juroren über die Bildschirme zugeschaltet: Der Bachmannpreis schaut heuer ganz anders aus.

(c) ORF (Johannes Puch)

Musste doch die Literaturveranstaltung coronabedingt ins Netz verlegt werden.

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Der ORF betreibt dafür einen beachtlichen technischen Aufwand.

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Im ORF-Garten sind  Heinz Sichrovsky und Julya Rabninovich zu Gast - sie kommentieren zwischendurch das Wettlesen von einem Balkon aus.

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Ansonsten ist der Garten heuer menschenleer.

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Die Juroren werden per Videoschaltung zugeschaltet . . .

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. . . während der Moderator Christian Ankowitsch sich in einem eiförmigen Sitz entspannen darf.

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Mehrere Perspektiven gibt es auch bei den voraufgezeichneten Videolesungen der Autoren.

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Die sind via Skype bei den Jurydiskussionen dann auch live zugeschaltet.

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Schnell wurde deutlich, dass sich Freudenthaler damit an die Spitze der potenziellen Preisträgerinnen geschrieben hat. Insa Wilke lobte die Nüchternheit, mit der Freudenthaler beschreibt, wie Dinge außer Kontrolle geraten: "Der Text hat eine unglaubliche Wucht." Für Kastberger war es heuer der erste Text, der an die Namensgeberin des Bachmann-Preises herankomme. Gäbe es eine Aktie, würde er "wetten, dass das eine der aufkommenden Kräfte der deutschsprachigen Literatur sein wird". Freudenthaler könnte "eine aus tausend sein, die bleiben wird".

Selbst Tingler hielt sich für seine Verhältnisse mit negativer Kritik zurück, allerdings vermisste er eine "narrative Struktur" im Text. Winkels zeigte sich war von der "atmosphärischen Dichte" erreicht, kritisierte aber die vielen losen Fäden. Für Schwens-Harrant, die die Autorin nominiert hatte, ist der Text "ein Meisterwerk der Literatur".

Samstagnachmittag

Mit Katja Schönherr und Meral Kureyshi endete am Samstagnachmittag der Lesereigen der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.  Die deutsche Autorin Katja Schönherr (Jahrgang 1982) erzählt in ihrem Text "Ziva" von einem verhängnisvollen Zoobesuch, der schließlich zur Trennung eines Ehepaars führt. Die Erzählerin ist von der Vorstellung besessen, dass sie - wie ihre Großmutter und Mutter - ebenfalls mit 43 Jahren sterben wird, was ihr Handeln bestimmt. "Ich bin impulsiv. Weil ich verdammt nochmal nicht die Zeit habe zu grübeln, Pros und Cons abzuwägen, lauwarme Kompromisse auszuhandeln", bringt sie es auf den Punkt.

Der von Philipp Tingler eingeladene Text zog einiges Lob auf sich. Für Insa Wilke war es eine "amüsante, einfache Geschichte", ihr gefiel die "satirische Aufnahme von politischen Diskursen, der Borniertheit von Menschen und dem Zustand einer Ehe". Die Einfachheit missfiel allerdings Hubert Winkels, der sich an Satiren von Ephraim Kishon erinnert fühlte. "Der Text ist schnell komplett erschöpft und bescheiden in seinem Anspruch". Brigitte Schwens-Harrant kritisierte die "sehr beschränkte Innensicht", insgesamt sei ihr der Text "zu deutlich". Tingler lobte vor allem die "feine Subversion unter dem Text", Klaus Kastberger freute sich über eine "1:1-Allegorie auf diesen Bewerb: Viele Leute stehen um einen Käfig herum, in dem jemand ein Schild hochhält und niemand erfährt, was da drauf steht." Er fand den Text "wirklich gut und unterhaltsam, eigentlich ist es der lustigste Text des ganzen Wettbewerbs." Auch Michael Wiederstein gefiel's: "Der Text ist eine Art Vexierspiel und er zeigt: Man kann klassisch erzählen und dennoch ein großes Geheimnis bis zum Ende bewahren."

Letzte Teilnehmerin

Als letzte Teilnehmerin stieg schließlich Meral Kureyshi (Jahrgang 1983) in den Ring. Die in Prizren geborene Autorin wuchs als Angehörige der muslimischen türkischen Minderheit im Kosovo auf. 1992 kam sie mit ihrer Familie in die Schweiz, heute lebt sie in Bern. Michael Wiederstein hat sie mit ihrem Text "Adam" eingeladen, in dem die Beziehung einer jungen Museumsaufseherin zu mehreren Männern durchdekliniert wird: "In ein paar Stunden kann ein Fremder zur wichtigsten Person werden, später verwandelt sich derselbe Mensch langsam, über Jahre, wieder in einen Fremden zurück", heißt es an einer Stelle.

Die Jury spaltete sich schnell in zwei Lager: Für Insa Wilke war der Text "wie ein schlaffer Händedruck", ihm fehle die Dramaturgie. Erbost zeigte sich auch Kastberger, der eine "Befindlichkeitsprosa" ortete, "die irgendwo anfängt und nirgends aufhört". Schwens-Harrant fragte sich, warum der Text in einem Museum spielt, wenn darauf nicht weiter Bezug genommen wird. Hubert Winkels sprang der Autorin bei und zeigte sich von einzelnen Sätzen "fasziniert", Tingler gefiel "der lapidare und nüchterne Ton der Geschichte", die der einladende Wiederstein als "Coming of Age"-Text erklärte, der eben die mangelnde Dramaturgie im Leben der jungen Erzählerin wiederspiegle. "Sie ist auf dem Kipppunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft."

Morgige Preisverleihung

Am morgigen Sonntag startet um 11 Uhr die Vergabe des Bachmann-Preises: Neben dem Ingeborg-Bachmann-Preis der Landeshauptstadt Klagenfurt werden vier weitere Preise vergeben: der Deutschlandfunk-Preis mit 12.500 Euro, der Klang-Preis mit 10.000 Euro sowie der 3sat-Preis mit 7.500 Euro und der BKS Bank-Publikumspreis mit 7.000 Euro, der mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt verbunden ist.

 

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