Die Nazis waren bloß halbstarke Randalierer, zunehmende Repressionen gegen Juden "Lausbubenstreiche", Katholizismus und Wunderglauben tief in der österreichischen Provinz verwurzelt: Bitterböse und satirisch wurde in der heimischen Literatur von Thomas Bernhard bis Werner Schwab schon oft über das unterschwellige Wuchern des Nationalsozialismus in der Zwischenkriegszeit erzählt. Dass eine starke Frauenstimme dazu bisher nicht gehört worden ist, scheint völlig unverständlich.

Sie schrieb acht Romane, drei Dramen, Gedichte und Essays, und doch blieb ihr ein Platz in der Literaturgeschichte bisher verwehrt: Die Schriftstellerin Maria Lazar (1895–1948), Schülerin von Adolf Loos und Oskar Kokoschka (der sie auch porträtierte), verheiratet mit Friedrich Strindberg, dem Sohn Frank Wedekinds, befreundet mit Bertolt Brecht und Helene Weigel, mit denen sie nach Dänemark ins Exil ging, war bis vor Kurzem beinahe völlig vergessen – ein Schicksal, das sie mit schreibenden, oft jüdischen Frauen des patriarchalen 20. Jahrhunderts wie Lili Grün, Hermynia zur Mühlen, Gina Kaus, Veza Canetti und vielen anderen teilte.

Dem jungen Wiener Verlag "Das vergessene Buch" und dem Burgtheater ist es zu verdanken, dass Lazars Werk wieder zum Leben erweckt wurde: 2014 erschien die Neuauflage ihres ersten Romans "Die Vergiftung", 2015 folgten "Die Eingeborenen von Maria Blut". 2019 inszenierte Mateja Koležnik am Akademietheater Lazars Einakter "Der Henker", im Juli 2020 war der erstmals auf Deutsch aufgelegte Roman "Leben verboten!" Ö1-Buch des Monats. Kommenden Freitag steht nun die Dramatisierung ihres dialogreichen Romans "Die Eingeborenen von Maria Blut" im Akademietheater auf dem Programm (Regie: Lucia Bieler).

Darin träumt der arbeitslose Kellner Vinzenz, der eigentlich in Wien Musik studieren wollte, aber an der Akademie nicht angenommen wurde, davon, das moralisch verkommende Volk wieder aufzurichten. Neben dieser Hitler-Paraphrase treten noch ein Wunderheiler und ein Erfinder im fiktiven oberösterreichischen Wallfahrtsort Maria Blut auf, zu denen sich ebenfalls historische Entsprechungen finden lassen. Daneben bevölkern zahllose Kleinbürger, Arbeitslose und Honoratioren diese beißende Satire über die Dreißigerjahre in Österreich.

Oskar Kokoschkas Porträt von Maria Lazar
Oskar Kokoschkas Porträt von Maria Lazar
© kk

Maria Lazar entstammte einer großbürgerlichen, zum Katholizismus konvertierten jüdischen Wiener Familie. Ab 1930 schrieb sie unter dem Pseudonym Esther Grenen, wegen des politischen Klimas verließ sie 1933 mit ihrer Tochter Österreich und emigrierte gemeinsam mit Bert Brecht und Helene Weigel nach Dänemark, 1939 zog sie nach Schweden. Nach der Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung nahm sie sich 1948 das Leben.