Irgendwo in Finnland zur Jahrtausendwende. Draußen wird gefeiert; drinnen, in einem kleinen Zimmer, sitzt ein mittelloser Flüchtling, wartet auf ein "Stück Papier", also seinen Asylbescheid, trinkt Rotwein, hört Bachs Matthäuspassion und denkt in einem überschäumenden Wort-Delirium über Gott und die Welt nach. Oder besser: über Jesus Christus. Und in einer Mischung aus Traum, Vision, im Schmerz seiner Heimatlosigkeit sieht er Jesus plötzlich vom Himmel herabsteigen – und in sein Zimmer einkehren.

Das sind die zunächst bizarr anmutenden Grundkoordinaten des außergewöhnlichen, doppelbödigen Roman-Hybriden "Die Nacht, in der Jesus herabstieg" des kurdischen Autors Sherzad Hassan, der jetzt in deutscher Erstübersetzung im Grazer Klingenberg-Verlag veröffentlicht wurde. Aus dem Kurdischen (Sorani) übersetzt wurde das Werk – eine sprach- und denkmächtige Mischung aus Religionsphilosophie und Kritik nicht nur an islamischen Extremismen – von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim.

Jesus ist gekommen, um das zu vollbringen, was beim ersten Mal nicht gelungen ist – die Errettung der Menschheit. Doch der Flüchtling, bei dem er eine Herberge findet, will ihn verzweifelt von seinem Vorhaben abbringen, wähnt Jesus erneut in Todesgefahr, denn: "Die Menschen sind seit Golgotha nicht besser geworden." In einer wilden, zwischen Hoffnung und Verzweiflung taumelnden Suade verhandelt Hassan die großen Fragen der Menschheit: Frieden, Freiheit, Gewalt, Verfolgung.

In erster Linie aber, so der selbst verfolgte Schriftsteller, sei sein Buch eine Abrechnung mit den Erlöserreligionen. "Ich stelle die Idee des Erlösers und Wundermanns infrage." Und weiter: "Ich kritisiere jede Religion, die ein freies Leben der Menschen verneint und ich bin ein harter Kritiker jeder Religionsform, die im Namen Gottes Blutbäder anrichtet." Ein "Jesus-Buch" der besonderen Art also, eine grandiose Provokation, eine Herausforderung zum Nachdenken. Darüber, was sich geändert hat auf dieser Welt in den letzten 2000 Jahren.

Buchtipp: Sherzad Hassan. Die Nacht, in der Jesus herabstieg.
Verlag Klingenberg, 275 Seiten, 23 Euro.

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