Wann haben Sie die Autorin Elfriede Jelinek für sich entdeckt?
CLAUDIA MÜLLER: Sie hat mich in meiner Jugend geprägt. Ich habe in meiner Schulzeit "Die Liebhaberinnen" gelesen, später "Die Klavierspielerin". Diese Form der Sprache hat mich total gepackt: die Beschreibung der Landschaft, dieses Enge, Bedrückende. Und wie sie sich in Interviews als Person äußert: großartig! Ich wollte schon ewig einen Film über sie machen, wusste aber, dass sie keine Interviews gibt.

Dann hat sie doch ein Interview gegeben, das als Tonspur im Film zu hören ist. Wie kam es dazu?
Ich habe sie gar nicht um ein Interview gebeten. Mein Plan war es, einen Werkfilm zu machen, auf ihre Sprache einzugehen: kein klassisches Porträt, nicht zu viel Privates. Ich bin zu ihr nach München gefahren, um ihr den Rohschnitt zu zeigen. Danach erklärte ich ihr, dass ich noch offene Fragen zu bestimmten Themen hätte. Also haben wir bei ihr in der Küche ein kleines Interview gemacht. Ich wollte nicht die Sensation bedienen, dass Elfriede Jelinek mir ein Interview gegeben hat. Ich habe das Gespräch in den Film einfließen lassen. Es ist wie ein Sprachfluss, der immer wieder auftaucht.

Wie haben Sie sie erlebt?
Als sehr zugängliche und sehr humorvolle Person. Sie ist, verständlicherweise, vorsichtig, weil sie oft missverstanden und auch geschmäht wurde. Ich habe ihr von Anfang an gesagt, dass ich einen Werkfilm machen und auch mit Interviews aus dem Archiv arbeiten will. Dem hat sie zugestimmt. Ansonsten habe ich sie als hochproduktive Person erlebt, die unermüdlich gegen Missstände anschreibt. Mein Anliegen war es, ihre Kunst, ihre Sprache auszustellen und auf ein Podest zu heben.

Neuer Dokumentarfilm, neues Buch: Ist jetzt gerade ein guter Zeitpunkt zur Wiederentdeckung von Elfriede Jelineks umfassendem Werk?
Ja, auf jeden Fall. Die Themen, mit denen sie sich beschäftigt, sind ja hochaktuell. Wenn man sich durch ihr Werk arbeitet, merkt man, wie visionär sie schon immer war. Auch, wenn sie sich an Österreich, den politischen Figuren und an der Verdrängung der Geschichte abgearbeitet hat, sind ihre Themen auch universell. Gerade jetzt, wo der Populismus und autoritäre Führerfiguren mehr und mehr Macht gewinnen, ist ihre Stimme wichtiger denn je. Sie polarisiert immer noch. Jedes Mal, wenn etwas über sie veröffentlicht wird, gibt es teils sehr böse Kommentare. Das liest sie, auch wenn es verletzend ist.

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Erleben Sie das als Deutsche mit Blick von außen auch so?
Vielleicht habe ich einen distanzierteren Blick. In Österreich hat Kultur einen hohen Stellenwert. Die Leute regen sich schneller über Provokationen auf. Andererseits lieben sie ihre Künstlerinnen und Künstler, sind stolz auf sie. Natürlich gibt es viele Leute, die Elfriede Jelinek verehren und lieben. Aber es gibt auch jene, die sie verachten – wegen ihrer politischen Äußerungen. Menschen, die nicht auf ihr Werk schauen. Die nicht begreifen, dass sie mittels ihrer Sprache etwas vorführt, was ja bereits da ist. Sie arbeitet damit, was sie findet, sie ist auch eine Monteurin. Eine Sprachkünstlerin, die diese Texte montiert, bei denen man nie weiß, wer spricht, wer Opfer oder Täter ist.

Regisseurin Claudia Müller: "Für mich ist sie sehr präsent"
© Polyfilm

Im Zuge des Literaturnobelpreises 2004 hat sich Elfriede Jelinek aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Abspann ist die Liste ihrer seit damals veröffentlichten Werke zu sehen. Die Liste ist sehr lang.
Ja, sie ist sehr produktiv. Und sehr kraftvoll in ihrem Schreibstil; ungebrochen.

Der Film arbeitet mit Material aus Archiven sowie von Privatpersonen und Christine A. Maier hat zusätzlich Landschaften zu den Texten eingefangen. Wie nahmen Sie u.a. die Orte im Mürztal wahr?
Ich habe sie als wahnsinnig schön, aber auch bedrückend und dunkel empfunden. Ich hatte das Glück, dass Christina A. Maier in der Steiermark aufgewachsen ist. Die hat mich zu ihrer Familie mitgenommen, ich habe bei ihnen gewohnt. Esskultur, Weine, Hügel: Ich bin sehr gerne in Österreich, Christines Tante hat für mich Krautfleckerl gekocht, da war ich selig. Im Film dient die Landschaft als Projektionsfläche. Sie hatte diese vor Augen, als sie ihre Texte schrieb. Ich wollte einerseits Emotionen transportieren, zeigen, was es in ihr ausgelöst hat. Andererseits wollte ich dem Text Raum geben.

Wie schwierig ist es, eine Doku über eine Person zu drehen, die seit 2004 nicht mehr öffentlich auftritt?
Das Verschwinden hinter der Sprache ist eines der Themen im Film – deswegen war es nicht schwierig. Sie ist für mich keineswegs ein Opfer, aber natürlich hat sie sehr gelitten, wie man sie in Österreich behandelt hat. Das wollte ich im Film zeigen. Für mich ist sie sehr präsent, lebendig.

Was ist die größte Ungerechtigkeit, die man ihr antat?
Dass sie so beschimpft worden ist, weil sie nicht nach Stockholm gefahren ist, sich den Literaturnobelpreis abzuholen. Man hat nicht verstanden, dass sie eine Angststörung hat, was ihr das Reisen erschwert. Dass man ihr das so übel genommen hat, die unsäglichen Beschimpfungen, die Plakatkampagne. Es war nicht nur eine große Verletzung, es waren viele.