Einen Blick auf die Unterseite der Sprache: "auf ihre Kehrseite" provoziert die Autorin, der selbst asiatische Züge "ins Gesicht geschrieben" sind, mit dem erschütternden Roman "Geschichte eines Kindes".
Anna Kim, in Deutschland und Österreich aufgewachsene Halb-Koreanerin, schreibt nüchtern und teilweise im Protokollstil über den "Mulatten" Danny.

Nach der Geburt im Wisconsin der 1950er-Jahre wurde er von seiner weißen Mutter zur Adoption freigegeben. Die Geschichte des Kindes, sein langer, entwürdigender Weg zu einer Pflegefamilie, der offen praktizierte Rassismus jener Zeit, ist Inhalt einer Akte der US-Behörden, die als Binnenerzählung in eine Rahmenhandlung aus der Gegenwart eingebettet ist.

Dabei quartiert sich eine Autorin aus Österreich, die ein Semester als Writer in Residence an einem College in Green Bay/Wisconsin verbringen will, bei der Weißen Joan ein. Die erzählt ihr die Geschichte ihres Mannes Daniel, dem einzigen Schwarzen in Green Bay, der nach einem Schlaganfall im Pflegeheim ist.

Auch das Amerika Barack Obamas kennt den Alltagsrassismus: "Obwohl wir gewisse Wörter, Begriffe abgeschafft haben, haben wir es doch nicht geschafft, uns von den Ideen zu trennen, die ihr Innerstes, ihren Kern bilden", schreibt Anna Kim in ihrem Vorwort.

Und so hat Dannys Frau die Kindheitsakte ihres Mannes an die Schriftstellerin weitergereicht, weil sie "als Asiatin vermutliche ähnliche Erfahrungen" in Österreich gemacht habe. Die quälende, heute völlig unkorrekte Sprache der Dokumentation, die feinsinnigen, oft poetischen Beobachtungen der Rahmengeschichte, erzählen vom Politischen im Privaten – und umgekehrt. Stark und aktuell!

Buchtipp: Anna Kim. Geschichte eines Kindes. Suhrkamp,
220 Seiten, 23,70 Euro. 

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