In seinem Debüt "Vom Land" (2020) hat Dominik Barta in die vielen unterschiedlich möblierten Räume des Ländlichen hineingeleuchtet; in den Vorgärten die Blumen des Bösen gepflückt, aber auch jene der Schönheit nicht übersehen.

In seinem neuen Roman "Tür an Tür" dringt er tief in den brodelnden multikulturellen und personellen Kosmos der Stadt ein und verknüpft kunstvoll, aber nie gekünstelt das Beziehungs-Tohuwabohu der Einzelnen mit globalen Verwerfungen und Verwüstungen. Im Zentrum dieser vielfarbigen Geschichte stehen aber Fragen wie diese: Wie (zusammen-)leben in einer Zeit, in der Vielfalt und Wahlfreiheit auch zur Belastung werden können? Wie lieben, wie Familie neu definieren, wie Freundschaft, wie Nachbarschaft, wie das Fremde in einem selbst und jenes von außen zulassen?

Bei Dominik Barta verkommt die Empathie nicht zur Pflichtübung, sie ist auch in diesem Roman tief in seiner Schreib-DNA verankert. Der Icherzähler ist Kurt, ein homosexueller Lehrer, der weniger mit den Reaktionen seiner Umwelt kämpft als mit dem eigenen Unvermögen, sich selbst Konturen zu verleihen. Selbstdefinition: "Ich bin ein Häufchen Freundlichkeit, ein verständnisvoller Masturbator, ein verklemmtes Helferlein."

Kurts Lebensfreund Frederik zieht nach dem Bersten seiner Beziehung mit der Libanesin Yasmina bei ihm ein; später schwingt sich noch die resche Biologin Regina, die in Sachen Sex und Liebe forscht, auf das sich immer schneller drehende Lebenskarussell. Kurt selbst verliebt sich patschert in einen seiner Abendschüler, einen Kurden.

Unter dem hochkonzentrierten Menschengebräu brodelt es im weltpolitischen Kochtopf: der verblühende Arabische Frühling, Extremismus, der sich hinter einer religiösen Agenda versteckt, Kurden-Morde, ein Erdogan-Besuch in Wien. Dass das Gewicht der Welt das Narrativ nicht erdrückt, ist dem angelsächsischen Zugang Bartas geschuldet: das Große im Kleinen begreifbar machen.

"We found love in a hopeless place." Dieser Rihanna-Song wummert an einer Stelle aus diesem Roman, in dem Tristesse und Trost Tür an Tür wohnen. "Ich fühle den Herzschlag in meinem Kopf", heißt es dort im Text. Das fühlt man beim Lesen dieses Buches auch.

Buchtipp: Dominik Barta. Tür an Tür. Zsolnay,
208 Seiten, 23,70 Euro. 

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