Vom literarischen Himmel in den Reißwolf des Feuilletons ist es oft nur ein Katzensprung. Martin Walser kann davon ein Lied singen, Günter Grass konnte es auch. Und jetzt Uwe Tellkamp. Was ist passiert? So einhellig und enthusiastisch Tellkamps Wende-Roman "Der Turm" vor 14 Jahren gefeiert wurde, so kollektiv wird der lang erwartete Nachfolger mit dem Titel "Der Schlaf in den Uhren" verrissen, ja regelrecht verbal hingerichtet.

Diese hitzig geführte Auseinandersetzung hat freilich nicht nur mit einem vermeintlich oder tatsächlich missratenen literarischen Werk zu tun, sondern vielmehr mit dem Autor. Tellkamp, schon immer als eher schwieriger, mitunter psychotischer Charakter bekannt, hatte sich 2018 in einer Diskussion mit dem Dichter Durs Grünbein zur Aussage verstiegen, dass ein überwiegender Teil der Flüchtlinge nicht nach Deutschland käme, um Krieg und Verfolgung zu entkommen, sondern "um in die Sozialsysteme einzuwandern". Tellkamp war auch einer der Ersten, der die "Charta 2017" unterzeichnete; ein offener Brief, in dem die Ausladung neurechter Verlage von der Frankfurter Buchmesse kritisiert wurde.

Der Suhrkamp-Verlag, bei dem die Bücher des 53-Jährigen erscheinen, distanzierte sich von den Äußerungen ihres Autors, Tellkamp selbst geht ebenfalls hitzig zum Gegenangriff über und spricht von einer "Moralisierung der Debatte". Er lasse sich nicht darüber belehren, was er zu denken habe – und was nicht.

Und das Buch selbst, verschüttet von der Diskussion um den Autor? Tatsächlich ein sperriges Trumm, dem man nur mit allerhöchster Konzentration beikommt. Fabian Hoffmann, einstiger Dissident, arbeitet als Chronist in der "Tausendundeinenacht-Abteilung" von Treva, einer Art labyrinthischer Unterwelt, in der ein gigantischer Beamtenapparat hockt. Es gibt dort ein "Amt der Wünsche", ein "Amt der Schmerzen" – und natürlich eine Sicherheitsabteilung. Mit einem Auszug aus diesem Roman gewann Tellkamp übrigens 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt.

Tellkamp thematisiert in der Fiktion u. a. das, was ihm gefühlt in der Realität widerfährt: Meinungsvielfalt versus Meinungseinengung. Dieses Buch ist eine grandiose Zumutung, es beeindruckt durch Unbedingtheit und Kompromisslosigkeit – und ist somit seinem Schöpfer sehr ähnlich.

Buchtipp: Uwe Tellkamp. Der Schlaf in den Uhren. Suhrkamp,
905 Seiten, 32,90 Euro.

© KK