Kürzer und besser kann Euphorie nicht ausgedrückt werden als mit dem hebräischen "hallelu-Jáh". Wörtlich übersetzt heißt es einfach "Preiset den Herrn" oder „Ruft den Namen des Herren", das bald zu einer stehenden Formel in jüdischen Gebeten wird und das alttestamentarische Buch der Psalmen durchzieht. In Georg Friedrich Händels Oratorium "Messiah" hat das in eins zusammengezogene Wort einen solch majestätischen Auftritt, dass der Legende nach König George einst von seinem Sitz aufgesprungen sein soll, um diesen Moment zu würdigen.

1984 veröffentlichte der kanadische Singer-Songwriter Leonard Cohen einen Song namens "Hallelujah", der auf wenig Interesse stieß. Der Künstler war damals auch nicht am Zenit seiner Popularität. Aber im Lauf der 90er-Jahre wurde "Hallelujah" durch die Interpretation anderer Künstler immer populärer. Die Beliebtheit des Lieds heißt aber nicht, dass der Text Cohens besonders einfach wäre, ganz im Gegenteil. Cohen, der "Hallelujah" in unterschiedlichen Textgestalten sang, schuf alles andere als ein schlichtes Gotteslob.

Der Poet Cohen, der bekannt dafür war, an seinen Liedtexten über lange Zeit zu arbeiten und immer wieder herumzufeilen, überzieht den Song mit einem Netz an Metaphern, Assoziationen, Anspielungen und Witzen. Es geht um den König David, der scheinbar aus Zufall ein "Halleluja" komponiert, um die Begebenheit, als er von der Schönheit der badenden Batseba buchstäblich überwältigt wird. Es geht um sexuelle Unterwerfung, es finden sich Anspielungen auf die Geschichte von Samson und Delilah, die dem Kraftprotzen durch eine Rasur seine Macht raubte. Und es geht eventuell um einen Dialog mit Gott. Oder mit einer geliebten oder auch "nur" begehrten Person. Und da ist das Lied erst eineinhalb Minuten alt.

Cohen, der selbst lange Zeit in einem buddhistischen Kloster verbracht hat, lässt in seinem "Hallelujah" die Grenzen ineinanderfließen. Er verknüpft alttestamentarische Geschichten mit Beziehungsproblemen und legt viel Erdenschwere in das eigentlich himmelsstürmende Wort Halleluja. In einer der Ergänzungsstrophen singt er (in der originalen Textgestalt): "Vielleicht gibt es da oben einen Gott. Was Du in der Nacht hörst, das ist keine Anrufung oder einer, der das Licht gesehen hat. Es ist ein kaltes, gebrochenes Hallelujah." Cohen bezieht sich immer wieder auf die Liebe, aber er weiß, dass sie kein einfaches Geschäft ist, nicht die Liebe zwischen den Menschen, aber auch nicht die spirituelle Liebe. Das Lied ist voller Demut, scheint aber auch vom Wissen getragen zu sein, dass die Liebe die Möglichkeit zur Gnade eröffnet.