Es war ein Platz der Ruhe und der oft stundenlangen Gespräche; ein Platz der Familie und der Freunde. Wer Gerhard Roth und seine Frau Senta in deren Haus in der Südweststeiermark besuchte, nahm gerne unter dem großen Nussbaum Platz, der im Sommer einen wunderbaren Schatten spendete. Und dort wird der große Schriftsteller, der am Dienstag im Alter von 79 Jahren in Graz nach langer Krankheit gestorben ist, auch seine letzte Ruhestätte finden. Das Begräbnis findet voraussichtlich am nächsten Wochenende in St. Ulrich/Greith statt. Die Urne mit der Asche des Verstorbenen wird dann später im engsten Familienkreis unter dem Baum, den Roth so liebte, beigesetzt.

Die tiefe Betroffenheit über Gerhard Roths Tod hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Der Kärntner Schriftsteller Josef Winkler besuchte Roth erst vor zwei Wochen in dessen Haus und ist erschüttert über den Tod. „Für mich persönlich und als Impuls für mein Schreiben war Gerhard von existenzieller Wichtigkeit. Er hat sich mit seinem Werk ganz tief hineingebohrt in das Landleben und mich gelehrt, dass man alles beschreiben kann, wenn man nur genau genug hinschaut.“

Der Kärntner Literat Josef Winkler
Der Kärntner Literat Josef Winkler
© (c) Karlheinz Fessl

Schauen, gehen, wahrnehmen, daraus Literatur schaffen. Das, so Winkler, sei Roths unerschütterliches und bis zuletzt gelebtes Credo gewesen. Neben Peter Handkes „Wunschloses Unglück“ habe Roths „Winterreise“ den größten Einfluss auf sein eigenes Schreiben gehabt. Dass es ein Abschied für immer wird, hat Josef Winkler damals bei seinem Besuch in der Südweststeiermark nicht ahnen können: „Wir waren zutiefst freundschaftlich verbunden und haben ausgemacht, dass wir uns im Frühjahr bei der Schnee- oder Maiglöckchenblüte wiedersehen werden.“

„Traurig und erschüttert“ ist auch die Literatin Barbara Frischmuth, die Gerhard Roth bereits seit gemeinsamen Forum-Stadtpark-Zeiten in den 1970er-Jahren kennt. „Auch ich habe ihn immer wieder besucht in seinem Haus. Gerhard war für mich einer der bedeutendsten Literaten dieses Landes, der zutiefst versunken war in seiner Wortwelt“, sagt Frischmuth. Das „Festhalten“ – ob in Wort oder Bild – sei das Essenzielle seiner Arbeit gewesen. „Hinschauen auf das Äußere und Hineinhören in sich selbst. Diese Kombination hat sein Schaffen zu etwas ganz Besonderem gemacht.“

Die Schriftstellerin Barbara Frischmuth
Die Schriftstellerin Barbara Frischmuth
© Löffler

„Mit seinen literarischen und bildnerischen Arbeiten hat Gerhard Roth den Horizont der heimischen Kulturlandschaft nachhaltig erweitert“, konstatiert Andreas Unterweger, Herausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“, für die Roth zahlreiche Texte schrieb. Legendär die New-York-Reise, die Roth 1974 gemeinsam mit „manuskripte“-Doyen Alfred Kolleritsch und Wolfgang Bauer unternahm und die Roth später zu seinem Roman „Der große Horizont“ inspirierte.

Gerhard Roth und Alfred Kollertisch während ihrer USA-Reise 1974
Gerhard Roth und Alfred Kollertisch während ihrer USA-Reise 1974
© Mit freundlicher Genehmigung der Familie Kolleritsch

Wertschätzend und betroffen fielen auch die Reaktionen des „offiziellen Österreich“ aus. Bundespräsident Alexander Van der Bellen würdigte Roth als „mutige und kluge Stimme“. Und: „Seine Prosa lotete das Österreichische aus, mitunter schmerzhaft, nie ungerecht, stets aber in literarisch höchster Qualität“. Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer betonte in ihrer Beileidsbekundung: „Seine beiden Romanzyklen sind zwei literarische Kontinente, durch die wir noch lange reisen und immer wieder Neues über uns und unsere Geschichte lernen und erfahren werden.“ Eva Blimlinger, Kultursprecherin der Grünen, hob Roths „Beobachtung und Analyse der österreichischen Nachkriegszeit“ hervor.