Buch der Woche von Eva MenasseVerdrängt, vertuscht, verschleiert

Eva Menasse hat mit „Dunkelblum“ einen großen Roman über die Verdrängung von Schuld, das Nichterinnern und den noch immer vorherrschenden Antisemitismus in diesem Land geschrieben.

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Eva Menasse: ein Plädoyer für die Erinnerungskultur
Eva Menasse: ein Plädoyer für die Erinnerungskultur © (c) APA/ROLAND SCHLAGER
 

Kein schöner Ort, dieses Dunkelblum. Und gleich auf der ersten Seite lässt die Erzählerin wissen, was sie von dieser Kleinstadt an der Grenze hält: „Man wünschte Gott, dass er nur in die Häuser sehen könnte und nicht in die Herzen.“

Aber selbst wenn Gott in die Herzen der Menschen schauen könnte, würde er dort nicht viel sehen, denn alles ist zugedeckt von einer flauschigen Tuchent des Verdrängens, Vertuschens und Verschleierns, unter der sich die Dunkelblumer im Kollektiv verkrochen haben.

Und wenn dann plötzlich jemand daherkommt, ein aufwieglerischer Auswärtiger naturgemäß, reagieren die Hiesigen nervös bis bös, denn die Vergangenheit soll weiterhin ruhen, damit eine selige Ruh ist in den Herzen und Häusern von Dunkelblum.

Zur Person

Eva Menasse, geboren am 11. Mai 1970 in Wien.
Schriftstellerin und Journalistin. Ihr erster Roman „Vienna“ erschien 2005, es folgten u. a. „Quasikristalle“ (2015) und „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017). Dazwischen veröffentlichte sie Erzähl- und Essaybände. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Lesung: 16. September, 19 Uhr,
Literaturhaus Graz.

Kein schöner Ort, vielerorten. Mit ihrem großen Roman „Dunkelblum“ hat die Schriftstellerin Eva Menasse ein exemplarisches Biotop geschaffen, in dem die 3-V-Regel (verdrängen, vertuschen, verschleiern) mit beschämender Selbstverständlichkeit das Leben und den Alltag der Menschen bestimmt. Die Hinweise auf das burgenländische Rechnitz sind zwar eindeutig, dennoch verwehrt sich Menasse gegen eine geografische Einengung. Dunkelblum kann überall sein.

Der historische Erzählbogen reicht vom Zweiten Weltkrieg bis in den Spätsommer des Jahres 1989, als die steinernen Mauern bröckelten und die eisernen Vorhänge Risse bekamen. Ein (vorerst) Unbekannter taucht im Ort auf und stellt unbequeme Fragen, Studenten legen den verwilderten jüdischen Friedhof frei. Es ist die Rede von einem Massengrab und Toten, die endlich ihren Frieden finden sollen. Das beunruhigt vor allem die älteren Dunkelblumer – verbunden und verbandelt durch das Wissen über die Ereignisse der Vergangenheit – zutiefst. Auch die Allianz des Schweigens bekommt Risse.

Sie wiegen noch immer schwer, diese große Brocken namens Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur. Doch die Schriftstellerin Eva Menasse stemmt sie. Ihr Zugang ist gewagt, aber er funktioniert: Mit fast schnoddrigem Ton und herbem Sprachwitz, der oft an der Parodie entlangschrammt, versucht sie, das Unbehagen, das Grauen und die Heimtücke erträglicher zu machen. Man ertappt sich dabei, das Lesen nahezu vergnüglich zu finden, bis das Schmunzeln wieder der Verstörung ob der Ungeheuerlichkeit der menschlichen Niedertracht weicht.

Eva Menasse zerrt die Menschen aus Dunkelblum ins Helle. Die Säufer und die Deppen, die Wegschauer und die Hingreifer, die Vergessenen und die Vergessenden, die Verharmloser und die Verhinderer, die Mitläufer und die Laufkundschaft in Sachen Gewissen, auch die wenigen Freigeister und Fragesteller. Eva Menasse klagt und klagt an. Sie erinnert voll Dringlichkeit daran, dass es eine Erinnerungspflicht gibt.

Gott hat dieses Modellstädtchen zusammen mit dem Teufel gebaut, schreibt Menasse. Als Mahnung. Ihr wichtiges und gewichtiges Buch ist ebenfalls eine Mahnung. Menasse mahnt ein, dass in Dunkelblum und anderen Modellstädtchen statt der 3-V-Regel künftig die 1-V-Regel eingeführt wird. Das V steht für Verantwortung.

Historischer Hintergrund: Das Massaker von Rechnitz

Eva Menasse betont zwar in Interviews, dass „Dunkelblum“ kein Rechnitz-Roman sei und sie keinen historischen Roman schreiben wollte, sondern eine „paradigmatische Menschheitsgeschichte“, dennoch gibt es im Buch zahlreiche Anspielungen auf den burgenländischen Ort.

Der Kreuzstadl in Rechnitz, hier dürfte das Massaker stattgefunden haben
Der Kreuzstadl in Rechnitz, hier dürfte das Massaker stattgefunden haben Foto © (c) APA/ROBERT JAEGER

In Rechnitz wurden im März 1945, also kurz vor Kriegsende, 180 jüdische Zwangsarbeiter ermordet und in einem bis heute nicht lokalisierten Massengrab verscharrt. Man vermutet den Tatort beim sogenannten „Kreuzstadl“, der heute eine Gedenkstätte ist. Auch der Dokumentarfilm „Totschweigen“ (1994) beschäftigte sich mit dem Massaker, Elfriede Jelineks Theaterstück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ handelt ebenfalls von der Verschleierung des Grauens.

Heuer erfolgten weitere Grabungen, mussten aber erneut ohne Erfolg abgebrochen werden. Hauptverantwortlich für das Massaker sollen ein örtlicher Gestapo-Führer und ein Gutsverwalter der Familie Batthyány gewesen sein. In der Nachkriegszeit wurden zwar Prozesse geführt, die jedoch wenig Ergebnisse brachten.

Buchtipp: Eva Menasse. Dunkelblum. Kiepenheuer & Witsch,
523 Seiten, 25,90 Euro. 

KK
© KK

Kommentare (1)
anda20
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6
Lesenswert?

Verdrängt, vertuscht verschleiert

Immer und überall lauert der Antisemitismus.

Ganz besonders links wie Frau Menasse mit Ihren Künstlerkollegen wissen, aber beim lustigen Soazieren mit den neuen Antisemiten und Antiisraeldemos mit Judenbeschimpfung drückt man halt gerne beide Augen zu.

Zu den 3V kommt bei Fr. Menasse noch das Relativieren und die Selbstverleugnung dazu.

Ihr schlechtes Gewissen möchte Sie dann gerne den anderen umhängen.

Vielen Dank