Buch der WocheJeanne d'Arc sagt: "Gott will es so, oder?"

Mit „1431“ hat Sophie Reyer ein Buch über Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans, geschrieben. Es ist aber auch ein wunderbar unzeitgemäßer Roman über das Geheimnis des Glaubens.

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Die Schriftstellerin Sophie Reyer greift in ihrem neuen Roman auf ein historisches Thema zurück
Die Schriftstellerin Sophie Reyer greift in ihrem neuen Roman auf ein historisches Thema zurück © Reyer
 

"Denn Gott ist eine Geranie, kommt in Massen und überschwemmt sie, rosa und schreiend.“ Es ist vermutlich nicht zeitgemäß in dieser säkularen, vermeintlich aufgeklärten Welt, Gott in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen. Die Suche nach ihm, das Verzweifeln an ihm, letztendlich die unantastbare Liebe zu ihm. Gottesergebenheit. Wer sagt oder schreibt das heute schon noch?

Sophie Reyer tut es. Und der eingangs zitierte Satz ist Johanna zugedacht, einem Bauernmädchen aus der französischen Provinz, das später – seinen inneren, göttlichen Stimmen und Visionen folgend – in den Krieg zog, die Stadt Orléans befreite und noch später, verraten und verkauft, auf dem Scheiterhaufen starb.

Der Titel des Romans ist das Todesdatum: Im Jahr 1431, am 30. Mai, wurde Johanna von Orléans, Jeanne d’Arc, hingerichtet. Bis heute ist sie französische Nationalheldin und wird von der römisch-katholischen Kirche – damals geifernde Anklägerin – als Jungfrau und Heilige verehrt. „Die Mächtigen töten jene, die noch mächtiger werden könnten.“ Ein Satz aus diesem vielstimmigen Buch, der damals wie heute seine Gültigkeit hat.

Zur Person

Sophie Reyer, geb. 1984 in Wien, ist Lyrikerin, Kinderbuchautorin, promovierte Philosophin und Komponistin. Sie hat auch bereits mehrere Romane
veröffentlicht, zuletzt „Mutter brennt“ (2019, Edition Keiper).

Belletristik über geschichtliche Ereignisse ist derzeit offenbar in Mode. Aber Sophie Reyer hat mit „1431“ weit mehr im Sinn als die literarische Nacherzählung eines historischen Stoffes. Die Eckdaten stimmen, doch im Mittelpunkt des Romans steht – neben Gott – die Zerrissenheit dieser jungen Frau, die sich später ihren Panzer nicht nur anlegt, um im Krieg geschützt zu sein, sie würde diesen Panzer auch fernab des Schlachtfeldes brauchen. Denn: „Sie schaut in sich selbst hinab, das ist die schwerste der Prüfungen.“

Zwei Erzählstränge verwebt Reyer mit kunstvoller, streckenweise etwas zu blumiger, duftender Sprache miteinander. Den Rückblick Johannas auf ihr Leben als einfaches Mädchen, ihr Ringen mit der blutigen Mission. „Gott will es so, oder?“ Der zweite Strang führt in die Gefängniszelle, wo sie auf das Urteil wartet und wo ihr vermeintlicher Beichtvater, der ihr eigentlich ein Geständnis entlocken soll, immer mehr der unfassbaren Magie der Todgeweihten verfällt.

Der Bettelmönch Isambard findet in der Asche das Herz Johannas und versucht es zu verbrennen. Vergebens. So endet dieses Buch, das im tiefsten Inneren eines über das Geheimnis des Glaubens ist. Vielleicht ein Irrglaube, dass das ein unzeitgemäßes Thema ist.

Buchtipp: Sophie Reyer. 1431. Czernin, 224 Seiten, 22 Euro.

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