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''Gerechtigkeit für Serbien''Handkes umstrittene "Serben-Freundschaft"

Peter Handke ist bis heute wegen seiner politischen Ansichten zum Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien (1991-1999) umstritten. In Serbien wurde er deshalb mit Ehrungen überhäuft. Kritiker werfen ihm dagegen eine Verharmlosung der serbischen Kriegsverbrechen vor.

Peter Handke im kosovarischen Dorf Velika Hoca 2008.
Peter Handke im kosovarischen Dorf Velika Hoca 2008. © EPA
 

1996 kam es nach der Veröffentlichung von Peter Handkes Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" zu heftigen Kontroversen. Wegen der Haltung des Vatikans im Kosovokrieg trat Handke 1999 aus der Römisch-katholischen Kirche aus und zur Serbisch-orthodoxen Kirche über.

Zu den umstrittensten Auftritten des Schriftstellers zählte 2006 seine demonstrative Teilnahme am Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic, dem vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal der Prozess gemacht worden war. In seiner Ansprache gedachte Handke aber keines Politikers, dafür aber zahlreicher serbischer Schriftsteller und Künstler.

2009 wurde Handke bei einem alljährlichen Dichtertreffen in der serbischen Enklave Gracanica im Kosovo mit dem "Goldenen Kreuz des Fürsten Lazar" ausgezeichnet. Das Dichtertreffen findet anlässlich des Jahrestages der Schlacht von Amselfeld (1389) am 28. Juni statt. Handke ist der erste ausländische Autor, dem diese Auszeichnung verliehen wurde, er war aber bei der feierlichen Zeremonie nicht persönlich anwesend.

Literaturnobelpreisträger Peter Handke: Ein Leben in Büchern

1942 in der Kärntner Provinz geboren, lebt Handke seit fast 30 Jahren Jahren in Frankreich, wo er zu seinem Domizil im Pariser Vorort Chaville vor einigen Jahren auch ein einsames Haus in der Picardie erworben hat.

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Seit über einem halben Jahrhundert steht er in der literarischen Öffentlichkeit, in den 60er-Jahren als Kulturautor gefeiert, später wegen seines nicht nur literarischen Eigensinns umstritten und seit langem regelmäßig auf jenen Buchmacher-Listen zu finden.

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Nach Besuch des katholischen Internats in Tanzenberg und des Gymnasiums in Klagenfurt studierter er ab 1961 in Graz Rechtswissenschaften. Während dieser Zeit fand er Anschluss an die Schriftsteller des "Forum Stadtpark".

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Über 11.400 Seiten soll die vom Suhrkamp Verlag vorbereitete "Handke Bibliothek" umfassen, in der alles enthalten ist, was er jemals in Buchform veröffentlicht hat. Ein gigantisches Werk.

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Erste Publikationen in der Zeitschrift "manuskripte" und erste Lesungen im Radio waren ein hoffnungsvoller Beginn. 1965 gelang es Freunden wie Alfred Kolleritsch, für Handkes Debütroman "Die Hornissen" den renommierten Suhrkamp. - Im Bild ist Handke mit Ehefrau Sophie zu sehen. Mit ihr ist er seit 1991 verheiratet.

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Sein Stern im Literaturbetrieb ging kometengleich auf, als der nahezu unbekannte Jungautor im April 1966 der Gruppe 47 bei einer Tagung in Princeton in einer erregten Schmährede "Beschreibungsimpotenz" vorwarf. Mitte der 60er erschien sein Sprachstück "Kaspar", das 1968 in Frankfurt unter Claus Peymann uraufgeführt wurde.

Handke war jemand - ein "Popstar", ein enfant terrible. Seine experimentellen Stücke sorgten für erregte Debatten, Titel wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1969) oder "Wunschloses Unglück" (1972) wurden zur Kultlektüre einer ganzen Schüler- und Studentengeneration.

In Kontrast dazu stehen die Aufregungen, die Handke, dessen Auseinandersetzung mit den eigenen slowenischen Wurzeln in seinem Stück "Immer noch Sturm" (2011) kulminierte, mit seiner pro-serbische Position in den Konflikten am Balkan und der scharfen Ablehnung der westlichen Haltung verursachte. 1996 sorgte sein Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" für heftige Debatten, zehn Jahre später seine Rede bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic.

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In Oslo als "Faschist" beschimpft

Der serbische Fürst Lazar Hrebeljanovic kam in der Schlacht gegen die Osmanen auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) ums Leben. Der "Vidovdan" (St.-Veits-Tag), der 28. Juni, wurde zum nationalen Trauertag des serbischen Volkes. Der im einstigen Jugoslawien praktisch vergessene St.-Veits-Mythos wurde zum 600. Jahrestag der Schlacht 1989 von damaligen serbischen Kommunisten- und Staatschef Milosevic erneut wachgerufen.

Bei der Überreichung des internationalen Ibsen-Literaturpreises 2014 in Oslo war der Schriftsteller wegen seiner proserbischen Haltung von Demonstranten als "Faschist" beschimpft worden. Als Reaktion hatte er angekündigt, einen Teil des Preisgeldes in Höhe von umgerechnet 306.000 Euro im Kosovo zu spenden und den Rest an den norwegischen Staat zurückgeben zu wollen. 50.000 Euro spendete Handke für den Bau eines Schwimmbades in der Kosovo-Gemeinde Velika Hoca, in dem eine kleine serbische Minderheit mitten unter der albanischen Bevölkerungsmehrheit wohnt.

2015 wurde Handke zum Ehrenbürger der serbischen Hauptstadt Belgrad ernannt. In seiner Dankesrede verwies er darauf, dass die Stadt in nur einem Jahrhundert dreimal Bombenangriffen ausgesetzt gewesen sei. Er meinte damit zwei schwere Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs (1941 von deutschen Flugzeugen und im Frühjahr 1944 durch die Alliierten) sowie die NATO-Luftangriffe im Zuge des Kosovo-Konflikts 1999.

Die Schuldigen des Balkankrieges

Handke habe den Titel des Ehrenbürgers verdient, weil er Serbien jahrzehntelang, "ungeachtet dessen, wer an der Macht war", unterstützt habe, erläuterte Goran Vesic von der Belgrader Stadtverwaltung anlässlich der Verleihung der Auszeichnung. Handke habe als Intellektueller viel dafür getan, damit in den Zeiten des Zerfalles des früheren Jugoslawien auch die "andere Seite der Wahrheit" ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sei.

Handkes Heimat: Einblicke in sein Zuhause in Chaville

Seit 27 Jahren lebt der Schriftsteller Peter Handke in Chaville, einem Vorort von Paris.

wolfgang zajc

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2015 gab Handke in einem Interview mit der Belgrader Zeitung "Kurir" westlichen Spitzenpolitikern Schuld an den Kriegen und Krisen in den Balkanländern. Dem früheren britischen Premier Tony Blair, dem deutschen Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem einstigen US-Präsidenten Bill Clinton "sollte man dafür gratulieren, was sie vor 20 Jahren zusammengeköchelt und vergiftet haben", sagte Handke.

Die drei kritisierten Politiker hatten 1999 die Bombardierung Serbiens durch die NATO durchgesetzt, weil serbische Verbände im Kosovo 800.000 Albaner brutal vertrieben hatten. Demgegenüber gab Handke den Albanern selbst die Schuld an ihrer Lage. Sollte die serbische Minderheit im Kosovo eines Tages von den Albanern ganz aus dem Land gedrängt werden, wäre das laut Handke "eine große Tragödie für die jungen Albaner. Dann haben sie keine Feinde mehr. Das wäre ihr Selbstmord, denn die Albaner brauchen Feinde."

"Freund Serbiens" und harsche Kritik

In den Ländern des Westbalkans stieß die Verleihung auf gemischte Meinungen. Während in Serbien die Auszeichnung für den "Freund Serbiens" begrüßt wird, gibt es aus dem Kosovo und Bosnien-Herzegowina harsche Kritik in Bezug auf die ihm vorgeworfene Verharmlosung von serbischen Kriegsverbrechen.

Der ehemalige kosovarische Außenminister Petrit Selimi fragte die Nobelpreis-Akademie über Twitter, ob sie auch Handkes Rede, die er beim Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic hielt, als Teil seines literarischen Opus berücksichtigt habe, als sie beschloss, "diesem Genozid-Leugner" den Nobelpreis zu verleihen. "Skandalös", twitterte unterdessen die kosovarische Botschafterin in den USA, Vlora Citaku, und bezeichnete die Entscheidung als "absurd und schändlich".

Auch der amtierende Außenminister Albaniens, Gent Cakaj, bezeichnete die Auszeichnung als "unwürdig und schändlich". "Als jemand, der leidenschaftlich an die Schönheit und Macht der Literatur zur Bereicherung der menschlichen Erfahrung glaubt, und als Opfer von ethnischer Säuberung und Genozid bin ich empört über die Entscheidung, den Literaturnobelpreis einem Genozid-Leugner zu verleihen", schrieb der aus Kosovo stammende albanische Politiker auf Twitter.

Den Kritikern, die auf Twitter auf Kontroversen rund um Handke hinwiesen, schloss sich auch der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon an. "Peter Handke ist der Bob Dylan unter den Genozid-Leugnern", twitterte Hemon und verlinkte einen Guardian-Artikel aus dem Jahr 1999 über Handkes Positionen zum Bosnien-Krieg. Auf diesen Artikel verwiesen auch bosnische Medien. Die Tageszeitung "Dnevni Avaz" bezeichnete Handke in einem Porträt als "leidenschaftlichen Fan der serbo-tschetnischen Bewegung, der im Rahmen dieser Ideologie öffentlich den Genozid in Srebrenica leugnet".

Auf der anderen Seite gab es in Serbien großes Lob für Handke. Wie der serbische Kulturminister Vladan Vukosavljevic betonte, habe der große Schriftsteller, einer der höchstwertigen deutschsprachigen Autoren in der Geschichte den Höchstpreis verdient. Er hätte den Nobelpreis "schon längst bekommen müssen, doch dann hat die Politik ihre Finger dazwischen gemischt", so der Minister laut Nachrichtenagentur Tanjug. Handke bekam den Preis "relativ spät, aber doch absolut verdient", fügte er hinzu.

 

Kommentare (3)

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pinsel1954
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warum lebt er in einem Vorort von Paris und nicht in Serbien?

Wäre als Freund Serbiens viel logischer.
Für mich eine sehr sonderbare Preisvergabe.

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vasibär
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blödsinn

ich liebe auch Polen und bin ein Freund Polens... lebe aber nicht dort...
ihr Kommentar hat 0 Logik... Paris neben amsterdam u.a. hat seit jahrhunderten den ruf als stadt der künste

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GordonKelz
4
6
Lesenswert?

AUCH EIN NOBELPREISTRÄGER...

....kann sich irren....
Was ganz sicher in Sache Serbien geschehen ist.
Freue mich als Kärntner trotzdem, so etwas wiederfährt einem ja vielleicht einmal im Leben!
Gordon Kelz

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