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Oliviero ToscaniGraz-Debüt für den Provokateur mit der Kamera

Oliviero Toscani, der mit seinen provokanten Werbekampagnen für das Modelabel Benetton Geschichte geschrieben hat, präsentiert seine Fotos erstmals in Graz, im Atelier Jungwirth.

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AUSTELLUNG 'KONTROVERSEN': TOSCANI
Oliviero Toscani mit einem seiner berühmten Sujets für Benetton © APA/HERBERT PFARRHOFER
 

Oliviero Toscani, der zwischen 1986 und 2000 für das Modelabel Benetton heftig umstrittene Sujets entwarf, stellt erstmals in Graz aus. Seine Fotoschau wird am 17. Oktober im Atelier des Branchenkollegen Christian Jungwirth (Opernring 9) eröffnet, zuvor wird der legendäre Mailänder Fotograf einen seiner viel beachteten Talks halten. Außerdem lädt der 77-Jährige am 19. und 20. Oktober zu einer Masterclass. Dabei vermittelt Toscani nicht nur Zunftgenossen, sondern auch Kreativen aller Sparten spannende Einblicke in sein Denken. Im Vordergrund steht bei ihm nicht die Technik, sondern die Kunst, hinter die Oberfläche der Dinge zu blicken. Titel des Workshops: „Is taking pictures enough to be a photographer?

Oliviero Toscani arbeitete für Elle, Vogue, GQ, Harper’s Bazaar, Esquire, Stern und Libération. Weltberühmt wurde er durch seine Arbeiten für Benneton, die für heftige Diskussionen sorgten: Für das Modelabel fotografierte er einen sterbenden Aids-Kranken, ebenso setzte er behinderte Kinder als Models ein. Verantwortlich war er auch für Plakate, die einen neugeborenen Säugling oder die blutgetränkte Kleidung eines getöteten Soldaten aus dem Balkankrieg zeigten. Toscani war zudem maßgeblich an „Fabrica“ beteiligt, Benettons Kreativschmiede für Kommunikationsforschung bei Treviso. Nach einer Werbekampagne im Jahr 2000, die Porträtaufnahmen von zum Tode verurteilten Gefängnisinsassen in den USA zeigte, verließ Toscani Benetton.

Foto © atelierjungwirth.com/© Oliviero Toscani

2005 veröffentlichte er mit dem Buch „Die Werbung ist ein lächelndes Aas“ eine Abrechnung mit der Branche und zugleich einen Bestseller, der bis heute als Standardwerk gilt. Seit 2007 reist der Italiener für sein Projekt „Razza umana“ („Die menschliche Rasse“) um die Welt mit dem Ziel, die Vielfalt der Menschen mit Fotografien und Videos einzufangen.
Foto © atelierjungwirth.com/© Oliviero Toscani

Anlässlich der Mailänder Modewoche 2007 präsentierte Toscani freizügige Bilder des magersüchtigen Models Isabelle Caro, um mit der Kampagne „No-Anorexia“ Aufmerksamkeit auf die Problematik des Schlankheitswahnes zu lenken und um Werbung für das italienische Modelabel „No-l-ita“ zu machen. Für die Bilder bekam die Französin 700 Euro. Sie starb 2010, kurz vor ihrem Tod soll sie weniger als 30 Kilogramm gewogen haben.
Foto © atelierjungwirth.com/© Oliviero Toscani

Im Herbst 2017 kehrte Oliviero Toscani wieder zu Benetton zurück. Der Neuanfang hing mit dem Comeback des Firmengründers Luciano Benetton zusammen. Dieser übernahm nach mehreren Jahren außerhalb des Konzerns wieder das Ruder des krisengeschüttelten Modeunternehmens. Die erste Kampagne Toscanis zeigte zwei multikulturelle Schulklassen mit Kindern aus verschiedenen Ländern. Damit kehrten Toscani und Benetton zum Thema Integration zurück, mit dem sie in den 1980er- und 90er-Jahren großen Erfolg hatten.
Foto © atelierjungwirth.com/© Oliviero Toscani

Bevor Oliviero Toscani für seine Ausstellung nach Graz kommt, nimmt er übrigens an einer Podiumsdiskussion bei der Ars Electronica teil, die sich heuer mit Künstlicher Intelligenz in der Musik befasst: Das Podium am 7. September ist auch mit dem Genetiker Josef Penninger, dem Dirigenten Markus Poschner, der Literaturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheid oder Francois Pachet von Spotify prominent besetzt.
Foto © atelierjungwirth.com/© Oliviero Toscani

Beim Festival in Linz war Oliviero Toscani zuletzt 2014 zu Gast, wo der wortgewaltige Künstler im Vorfeld in einem Gespräch mit der APA von einem großen Wechsel sprach, den es insgesamt in der Gesellschaft brauche: „Unsere Herzen sollten sich ändern. Wir denken noch immer sehr altmodisch - sowohl wirtschaftlich als auch sozial und ethisch. Was uns fehlt, sind Vorstellungskraft und Großmut. Die Regierungen und die EU reden nur übers Geld, über die Wirtschaft“. Provokationen, die er selbst immer wieder und nicht nur für Benetton einsetzte und einsetzt, bilden für ihn eine Veränderungskraft, nämlich „das Provozieren von Möglichkeiten zur Veränderung. Wir müssen die Regeln untergraben, alte Vorstellungen überdenken und in Dialog treten. Wir brauchen den Mut, anders zu sein. Wir reden nicht mehr miteinander, sitzen vorm Computer, über unseren Smartphones“. Auf das „Schockierende“ angesprochen, das viele Betrachter seiner Bilder empfinden, antwortete Toscani: „Die sollen sch..... gehen. Die sind doch nur schockiert, weil ihnen jemand etwas auf eine ungewohnte Art und Weise erzählt. Es ist mir egal, wenn sie sich schrecken. Mich schockiert die Realität, nicht das, was andere Leute sagen. Ist Provozieren schlecht?“ Menschen könne man zum Nachdenken anregen, wenn man durch Provokationen Aufmerksamkeit erregt. „So schlecht kann das also nicht sein“.

Details: atelierjungwirth.com, www.olivierotoscani.com, www.razzaumana.it

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