Er zieht eine Fotospur durch Wien: Künstler Ai Weiwei ist in der Stadt und fotografiert – Sohn Ai Lao, Anatomie-Figuren im Josephinum, winkende Menschen auf der Straße, Klimts „Der Kuss“ – der Mensch ist rastlos. Alles dokumentieren, festhalten. Fast so, als könnte man sie ihm jederzeit wegnehmen, diese Freiheit, zu tun und lassen, was man will.
Ganz von der Hand zu weisen ist seine Angst nicht: Rückblende 2011, einer der einflussreichsten Künstler der Welt verschwindet von der Bildfläche – 81 Tage Haft, wegen angeblicher Steuerhinterziehung. Widerstand tut weh, keiner weiß das besser als der chinesische Regimekritiker. 2009 wird er von chinesischen Sicherheitsleuten zusammengeschlagen, eine Hirnblutung kostet ihn fast das Leben. Das ist der Preis, den er für seine Kunst bezahlt. Die chinesische Führung würde sagen: Diese Kunst ist systemzersetzend. Unrecht haben sie nicht: plakativ, einnehmend und schwer mundtot zu machen. Das ist nicht ungefährlich und in jedem Fall höchst unbequem.

Unter Flüchtlingen

Das gilt im Moment auch für Europa, denn in der Flüchtlingskrise hat der 58-Jährige, der seit dem Vorjahr wieder reisen darf und nun in Berlin lebt, genau das Thema entdeckt, das so tief in seiner eigenen Biografie steckt: Flucht, Vertreibung, Unsicherheit. Er verbringt mehrere Monate auf dem Flüchtlingshotspot Lesbos, richtet dort ein Atelier ein und schickt seine Botschaften in die Welt – auch nach Wien.

"F Lotus"
"F Lotus" © (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)



Als Teil einer großen Einzelschau, die heute Abend eröffnet wird, verwandelt er das Belvedere-Becken in ein Mahnmal für Flüchtlinge. „F Lotus“ schaut nur auf den ersten Blick nach putzigen Blumenarrangements am Wasser aus. Wer näher kommt – menschliche Neugierde sei Dank – sieht sie klar und deutlich, die 1005 Schwimmwesten, die syrische Flüchtlinge auf Lesbos zurückgelassen haben, elegant zu einem „f“ geformt sind. „f“ für, no na, Flüchtlingskrise.
Und irgendetwas macht er richtig, der Mann, der selbst schwierige Themen mit magischer Anziehungskraft versieht: Als er im Februar die Säulen des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt mit solchen Rettungswesten verkleidet und nach nur vier Tagen wieder abbaut, gibt es einen Aufschrei der Enttäuschung – zu kurz, viel zu kurz zu sehen! Stell dir vor, es ist Flüchtlingskrise und alle schauen hin.

Offene Flanken

„Wir müssen einen Kommentar zu den schlechten Dingen in unserer Welt abgeben, sonst sind wir ein Teil davon“, definiert der Künstler seinen Drang, offene Flanken zu finden. Gilt das auch für ihn selbst? Kritische Stimmen monieren, dass der gebürtige Pekinger seit seiner Verhaftung der chinesischen Führung gegenüber weniger kritisch geworden wäre.
Dass China einen der derzeit einflussreichsten Künstler der Welt genau im Visier hat, ist keine Überraschung: „Sie lassen mich wissen, dass sie wissen, was ich tue“, sagte er im Vorjahr kurz nach seiner Ankunft in Berlin dem ZDF. Dass in China lebende Familienangehörige und Freunde ein beliebtes Druckmittel sind, ist genauso publik wie dass die Haft bei ihm und seiner Kunst Spuren hinterlassen hat.

Sein Zugang ist nun subtiler, aber dafür nicht weniger kritisch: So kann der riesige Ahnentempel aus der Ming-Zeit, Herz der Ausstellung, auch als Selbstporträt gewertet werden. Die 14 Meter hohe und aus 1300 Einzelstücken bestehende Holzkonstruktion hatte als Ahnenhaus der Familie Mang die Funktion einer Wurzel – die durch die chinesische Kulturrevolution zerschlagen wurde. Ai Weiwei hat das Gebäude in desolatem Zustand gekauft und sorgt nun dafür, dass es, runderneuert und gestärkt, überall Wurzeln schlägt – auch im Ausstellungsort 21er Haus. Eine Botschaft, aber auch ein Trostpflaster, weil seine wohl größte Wunde vermutlich nie heilen wird: Seine Hassliebe zu seinem Heimatland – er kann nicht mit ihm, aber auch nicht ohne es. Einziger Ausweg: Luftwurzeln schlagen. Und das tut er fortwährend.

Der an dieser Stelle angekündigte Livestream ab 10 Uhr  musste leider wegen schlechter Mobilfunk-Anbindung abgesagt werden.