Es hatte zunächst den Anschein, als würde die achte Verleihung der "Nestroy"-Theaterpreise, die gestern, Samstag, Abend im Theater an der Wien gefeiert wurde, eine Gala wie viele andere auch: bemüht witzig, zwischen Glamour, Selbstbeweihräucherung und Understatement keine rechte Linie findend, in den Dankesreden kurz, bündig und beinahe routiniert. Doch dann wurde es doch fast ein denkwürdiger Abend. Schuld daran waren Menschen höchst unterschiedlichen Temperaments: Markus Kupferblum, Paulus Manker und Hilde Sochor.
Gemengelage der Gefühle. Kupferblum nahm den "Nestroy" für die beste Off-Produktion entgegen und allen Mut zusammen: Den straffen Zeitplan der Veranstaltung ordentlich durcheinanderbringend machte der introvertiert wirkende Künstler aus seinem Herzen kein Mördergrube und erzählte von der Gemengelage seiner Gefühle. 20 Jahre mache er nun in dieser Stadt Theater und stehe nun zum ersten Mal "auf dieser luxuriösen Bühne, wo ich als freier Künstler normalerweise nichts zu suchen habe". Es sei "eine Ironie des Schicksals", dass er ausgerechnet für eine Produktion ausgezeichnet werde - "Die verlassene Dido" im Nestroy-Hof -, in der er als Notlösung thematisiert habe, was er eigentlich geplant habe - hätte er nur das nötige Geld bekommen. "Ich als Theatermacher bin deshalb auch unheimlich traurig", sagte Kupferblum, denn die "neuen, aufregenden Wege", die hier eigentlich ausgezeichnet werden sollten, könnten aus mangelndem Mut von Kulturpolitikern und Intendanten häufig nicht beschritten werden.
Fans im Saal. Kupferblum wurde mit viel Jubel bedankt, wie überhaupt die jungen, nicht arrivierten Künstler die meisten Fans im Saal hatten. Regisseurin Stephanie Mohr, die für ihre Inszenierung von "Die Weberischen" von Felix Mitterer in einer VBW-Produktion im Museumsquartier den Spezialpreis erhielt, wurde ebenso euphorisch gefeiert wie Bernhard Schir, der mit seiner Mitwirkung in der Josefstadt-Produktion von "Das Fest" bei den besten Schauspielern überraschend die Burg-Stars Gert Voss und Joachim Meyerhoff ausstach und die berührendste Dankesrede hielt.
Große Leistungen. Die Nestroy-Akademie orientierte sich heuer überhaupt weniger an großen Namen als an großen Leistungen: Der international gefeierte junge polnische Regisseur Grzegorz Jarzyna wurde für sein "Medea"-Projekt im Kasino mit dem Regiepreis geehrt, seine Hauptdarstellerin Sylvie Rohrer wurde (auch für ihre Leistung im Jelinek-Monolog "Über Tiere") beste Schauspielerin. Luc Bondy (für seine "Lear"-Inszenierung nominiert) ging ebenso leer aus wie sein Kollege Peter Stein, denn als "Beste deutschsprachige Aufführung" wurde nicht Steins "Wallenstein", sondern "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza in der Regie von Jürgen Gosch am Schauspielhaus Zürich gekürt.
Irrwitziges Theater. Dennoch sorgte gerade diese Kategorie für den größten Unterhaltungswert, denn die sonst nicht eben rasend originellen Moderatorinnen Sophie Rois und Caroline Peters boten mit einer Scharade zu den nominierten Stücken endlich das, was sie am Besten können, nämlich fulminantes, rasendes, irrwitziges Theater, und als Goschs Vertretung kam der jetzige Zürcher Intendant und baldige Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann zu seinem ersten offiziellen Wien-Auftritt. Er nahm den Preis als "eine Art vorzeitige Willkommenheißung in Wien, auf das ich mich sehr freue" entgegen. Das Warten auf seinen Amtsantritt (mit der Saison 2009/10) werde nun lang, doch er ahne, es sei eine Illusion, dass es immer so schön sein werde wie an diesem Abend.
Nestroy-Preis-Gala mit Mutproben und Überraschungen
Ein fast denkwürdiger Abend wegen Menschen höchst unterschiedlichen Temperaments bei der Verleihung des "Nestroy"-Theaterpreises am Samstag in Wien.
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