Österreicher bei den Golden Globes

Der Goldene Globus, die Sterne und ich

Nur zwei Österreicher sitzen in der Jury der Golden Globe Awards, die in der Nacht auf Montag verliehen werden. Die Korrespondentin Barbara Gasser ist eine davon.

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Es gibt Dinge im Leben, von denen man nicht zu träumen wagt, die einem aber passieren. Es war so utopisch, dass ich mir nicht anmaßte, davon zu träumen, unter den Juroren der Golden Globes zu sitzen. Realität aber ist, dass ich mir bis vor knapp einer Woche nochmals die nominierten Filme und TV-Sendungen angesehen, Drehbücher durchgelesen, Filmmusik angehört und zum ersten Mal die Golden Globes mitgewählt habe. Weil ich vertraglich zur Verschwiegenheit verpflichtet bin, gibt es hier an dieser Stelle nicht zu lesen, wer für mich die Besten sind. Wen die 87 Juroren der "Hollywood Foreign Press Association" mit einem Golden Globe Award auszeichnen, weiß bis zur letzten Minute nur das Team der unabhängigen Prüfungsgesellschaft Ernst & Young, das die Stimmen auszählt und das versiegelte Kuvert den Präsentatoren hinter der Bühne aushändigt.

Grundsätzlich kann sich jeder Filmjournalist, der in Los Angeles für ein ausländisches Medium arbeitet, bei der "Hollywood Foreign Press Association" bewerben. Zu den Aufnahmekriterien zählen: jahrelange Erfahrung und Akzeptanz seitens der Filmindustrie, gutes Standing bei den Studios und Managern sowie ein positives Feedback aus dem Heimatland. Über die Bewerbungen stimmen die Mitglieder der "Hollywood Foreign Press Association", kurz HFPA genannt, in einer geheimen Wahl ab.

Meinen ersten Zugang zum Film werde ich nie vergessen. Das war Mitte der 70er-Jahre, als die Stadt Graz Schülern Kinovorstellungen am Sonntagvormittag anbot. Das Besondere daran waren die anschließenden Diskussionsrunden. Umso größer war meine Enttäuschung, als ich zum ersten Mal eine "echte" Kinovorstellung besuchte und es keine Diskussion hinterher gab.

Gefällt mir. Gefällt mir nicht. So einfach fiel die Beurteilung aus, als Kino für mich noch ein Privatvergnügen war. Gute Filme bieten packende Storys oder sind unterhaltsame Flucht. Schlechte Filme sind Geld- und Zeitverschwendung. 2003 landete ich im Filmmekka, doch Hollywood empfand ich so fremd wie Utopia. Einerseits verspürte ich unsäglichen Eroberungsdrang, andererseits kämpfte ich damit, dass sich Hollywood am liebsten um die eigene Achse dreht. Film-Interviews konzentrieren sich vornehmlich darauf, wer macht wann, wo und mit wem den nächsten Film. Diese inhaltliche Reduktion fand ich zutiefst frustrierend. Ob die Börse kracht oder ein Tsunami tobt, das Einzige, was zählt, ist die Frage, ob die Besucherzahlen des ersten Wochenendes Rekorde brechen. Mit meinen Fragen rund um aktuelle Ereignisse und zum Leben im Allgemeinen riskierte ich mehr als einmal, zur Persona non grata zu werden. Dabei geht es nicht um Paparazzi-Intimität, sondern darum, ein Bild zu vermitteln, wer der Mensch ist, der mir gegenübersitzt - schließlich ist das Leben nicht eindimensional.

Erst als Film-Journalistin lernte ich, dass es am allerwenigsten darum geht, ob mir ein Film gefällt oder nicht. Film ist eine Wissenschaft. Passt eine Anschluss-Szene oder nicht? Ist das Make-up mit dem Kostüm stimmig, die Geschichte rund, das Drehbuch gut adaptiert? Und wie schaut die Chemie zwischen den Darstellern aus? Elemente, die mitunter das Tüpfelchen auf dem i sind und bei der Auswertung ins Kalkül gezogen werden.

Die Golden Globe Awards sind nach den Oscars die bedeutendste Preisverleihung der Unterhaltungsbranche, weltweit sehen 110 Millionen Menschen die Übertragung. Katy Perry hat es auf den Punkt gebracht: "Ihr haltet den Schlüssel zu Hollywood in der Hand." Namhafte Filmjournalisten aus aller Welt bewerben sich um die Aufnahme in die HFPA und wollen bei den Golden Globes mitstimmen. Daher schien mir dieses Ziel so unrealistisch, wie die Sterne greifbar sind. Beim zweiten Anlauf schaffte ich die Aufnahme. Die Mitgliedschaft bei der HFPA ist mit vielen Privilegien verbunden: Man hört Hugh Jackman bei den Dreharbeiten von Les Misérables live singen, kann Altmeister Woody Allen beim Regieführen beobachten, mit Jon Bon Jovi im intimen Kreis zu den besten Hits rocken oder mit Pixar-Chef John Lasseter in Schottland über seine Inspiration zu "Merida" philosophieren (abgerundet mit einem 40 Jahre alten Scotch). Was auf den ersten Blick nach Jetset klingt, ist in Wahrheit der essenzielle Blick hinter die Kulissen.

Im Laufe eines Jahres führe ich rund 300 Interviews und sehe ungefähr gleich viele Filme und TV-Sendungen. Und wenn ich heute Abend gemeinsam mit meiner Mutter und der österreichischen Generalkonsulin unter den funkelnden Sternen Hollywoods sitze, werde ich die gleiche Spannung empfinden, als würde ich zu Hause vor dem Fernseher sitzen und mitfiebern, ob meine Favoriten darunter sind, wenn verkündet wird: "And the winner is ..." Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht im Pyjama knotze, sondern in meiner steirischen Festtagstracht den 70. Golden Globe Awards die gebührende Ehre erweise.

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