Unfassbare 21 Tage lang hat er sich bis Ende Dezember im Klagenfurter Becken eingenistet. Ziemlich hartnäckig, aber eher untypisch, denn Sitzenbleiber ist er eher nicht, der Nebel. Vielmehr ein Wanderer, der sich lautlos anschleicht und in Rekordzeit immer mehr wird – wie ein Schaumbad, das außer Rand und Band gerät. Nur ist das Baden in der Nebelsuppe eher unangenehm, weil sich die Wassertröpfchen im Durchgehen gnadenlos einnisten. Aber das wäre noch erträglich, wenn sich mit dem Nebel nicht auch das Unbehagen einschleichen würde. Es ist die Orientierungslosigkeit, die sich in Zeitlupe über eine Landschaft senkt. Der Nebel radiert alle Ecken und Kanten aus, überpinselt die Übergänge zwischen Natur und Zivilisation, verschluckt ganze Landstriche und alle, die mittendrin stehen, gleich mit. Nichts kann ihm was anhaben, immerhin ist er nicht greifbar, zumindest im realen Leben.
In der Kunst, der Literatur, im Film und in der Musik hingegen, da geigt er groß auf, weil er die Angstorgel formidabel zu spielen weiß. Bei Johann Wolfgang von Goethe treibt er als Erlkönig ein fieberndes Kind in den Tod – oder war es doch nur Nebelstreif, der sich im tödlichen Fieberkampf zu den Umrissen des lockenden Königs verdichtet hat? So einen Horror ins Magische zu verkehren, das kann auch nur den Romantikern einfallen. Die haben sich am Nebel abgearbeitet, wie nach ihnen nur die Horrorfilmindustrie. Mit dem Nebel haben die Romantiker der Natur ein Mäntelchen umgehängt, sie in Watte gepackt. Eine Natur, bedroht vom Menschen. Caspar David Friedrich, der seine imposanten Landschaften im Atelier gemalt hat, pumpte mit dem Nebel die Magie in die Natur. „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ (1818) – die Auseinandersetzung mit der Weite, aber auch mit dem, was noch kommen mag, was liegt da wohl verschleiert noch vor uns? Oder William Turner, in dessen Landschaften der Nebel zum Kokon wird, der die Weite aussperrt, in dem einzelne Sonnenstrahlen aufglühen und sich dann verlieren.
Fans von Jane Austen schmachten regelmäßig dem Ende von der „Stolz und Vorurteil“-Verfilmung von Regisseur Joe Wright (2005) entgegen, wenn der ansonsten so zugeknöpfte Mister Darcy (Matthew Macfadyen) mit wehendem Mantel und offenem Hemd durch den lieblichen Frühnebel pflügt, um Elisabeth Bennet (Keira Knightley) seine Liebe zu gestehen. Bei Arthur Conan Doyle war der Nebel so essentiell wie sein Spürhund Sherlock Holmes. Man stelle sich mal vor, der Hund von Baskerville bei strahlendem Sonnenschein im ausgeleuchteten Moor? Echt kein Heuler. Der Nebel als Vorhang, in dem sich vieles verstecken kann. Ist es ein einzelner Wolf oder gar ein Rudel, ist es ein Zombie oder einfach nur der Nachbar? Bei John Carpenter ist der Nebel nicht nur die Kulisse, nein, im Horrorklassiker „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980) spielt er die Hauptrolle!
Die japanische Künstlerin Fujiko Nakaya schafft mit ihren fluiden Nebelskulpturen Begegnungsräume mit einem selbst, eine Schule des Sehens und Spürens ganz ohne Ablenkung. Den Rest von sich selbst abzulenken ist hingegen die primäre Aufgabe des Disconebels – die Verschleierung der Ekstase oder des schlechten Tanzstils!