Aus Mannersdorfer Kalkstein gehauen ist er, ein männlicher Torso von schwungvoller, geschmeidiger Anatomie. Ein Abbild. Knapp über 20 Jahre alt war Fritz Wotruba (1907-1975) als er ihn gefertigt hat, die Skulptur bildet den Auftakt zur großen Wotruba-Schau im Belvedere 21. „Wotruba International“, kuratiert von Gabriele Stöger-Spevak und Verena Gamper, widmet sich thematisch zwar seiner Präsenz und Bedeutung im Ausland – immerhin rund 50 seiner insgesamt 70 Einzelschauen fanden im Ausland –, aber die Schau ist auch ein fabelhafter Wegweiser durch seine künstlerische Transformation, in deren Mittelpunkt der Mensch stand. Jener Mensch, den er sukzessive der klassischen Anatomie enthoben und abstrahiert hat. Den er durch das geometrisch Blockhafte in eine neue, skulpturale Anatomie übertragen hat. Eine körperlich spürbare Metaebene, der das Sein des Menschen und das, was ihm widerfahren ist, eingeschrieben wurde. Es ist nicht zuletzt der Zweite Weltkrieg, das verheerend Kriegerische generell, das Eingang in sein Werk gefunden hat.

Fritz Wotruba, Große liegende Figur, 1951–53
Fritz Wotruba, Große liegende Figur, 1951–53 © Johannes Stoll / Belvedere

Die Inspiration anderer wird sichtbar

Es ist der Einfluss anderer Bildhauerinnen und Bildhauer seiner Zeit, der hier im direkten Vergleich sichtbar wird: 15 Objekte von Henry Moore über Alberto Giacometti bis Germaine Richier treffen hier auf Wotruba-Werke, die in früheren Ausstellungen schon gemeinsam zu sehen waren. „Sitzende Figur“ („Der Denker“) von 1948 trifft etwa auf die „Die Heuschrecke“ (1946/1956) von Germaine Richier. Letztere eine expressive Bronze-Skulptur, die Frau, wie auch Insekt sein kann – der Mensch, der sich in Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen von sich selbst entfernt, entfremdet. Ihr gegenüber steht die Kalkstein-Skulptur „Der Denker“ von Wotruba, in sich gekehrt, der Außenwelt abgewandt. Daraus ergibt sich eine Gegensätzlichkeit, die sich durch den gemeinsamen thematischen Ursprung beider Skulpturen massiv verstärkt. Beiden ist aber auch die Transformation der Skulptur in der Nachkriegsmoderne eingeschrieben.

Germaine Richier, La Sauterelle / Die Heuschrecke, 1946/1956
Germaine Richier, La Sauterelle / Die Heuschrecke, 1946/1956 © Kunstmuseum Bern

Inmitten all der Großskulpturen nimmt sich die Bronzeplastik „Heiliger Georg“ (1948) mit seinen 14 Kilogramm als Leichtgewicht aus. Die Hinwendung Wotrubas zur Bronze ist auf Kolleginnen und Kollegen wie Richier, Giacometti und Marini zurückzuführen. Dass das „Miracolo“ (1959/60) von Marino Marini daneben steht, ist kein Zufall. Die Dekonstruktion des klassischen Reiterstandbildes ist eine Wucht, nicht nur wegen der halben Tonne Gewicht. Als gefühlt leichter Überbau erweist sich das legendäre Gebäude Karl Schwanzer – eine architektonische Umarmung.

„Wotruba International“. Bis 11. Jänner 2026, Belvedere 21, Arsenalstraße 1, 1030 Wien. belvedere.at.

Fritz Wotruba, Große sitzende Figur („Menschliche Kathedrale“), 1949
Fritz Wotruba, Große sitzende Figur („Menschliche Kathedrale“), 1949 © Johannes Stoll / Belvedere
Fritz Wotruba in seinem Atelier in Wien, 1947/48
Fritz Wotruba in seinem Atelier in Wien, 1947/48 © Ernst Hartmann