Dramatisierungen einer Erzählung sind heikel. Regisseurin Alexandra Liedtke wagte sich mit einer unkonventionellen Spielfassung von Joseph Roths „Hiob“ an die Herausforderung. Sie ließ ihre Protagonisten - ohne definierte Erzählerfigur – den Romantext verkürzt (ergänzt durch einige Briefe von Joseph Roth) rezitieren. Das war meist stimmig und kam manchmal als Kommentar oder Reflexion, ein anderes Mal als innerer Monolog, als Erinnerung oder Einwurf daher. Nur an Stellen, an denen die Darsteller ihre eigenen Gefühle kommentierten, stieß das Konzept, das der Fantasie des Publikums viel Freiraum bietet, an seine Grenzen. Dank der Publikumslieblinge und Reichenau-Stammgäste Joseph Lorenz als Mendel Singer und Julia Stemberger als seine Frau Deborah entfaltet aber der Text seine Wirkung rund um die zeitlosen Fragen nach Schicksal und Leid und unserem Umgang damit. Ihren Rollen entsprechend, ist Alex Kapl als Jonas und Mac kraftstrotzend, Gregor Schulz als Schemarjah und Menuchim sensibel und Katharina Lorenz als Mirjam aufmüpfig und kokett. Dass Menuchim – in seiner Kindheit als „Krüppel“ und „Idiot“ bezeichnet – in Form eines Kinderpullovers repräsentiert wird, ist eine respektvolle und gelungene Regieidee. Den bei der Generalprobe gestürzten Wolfgang Hübsch wird bei den folgenden Vorstellungen Günter Franzmeier ersetzen.
Festspiele Reichenau
Schicksalsschläge und Liebeswirren am Semmering
Kritik.
Von „Hiob“ zum „Sommernachtstraum“: Die Festspiele Reichenau bringen Ernstes und Heiteres.
© LALO LUCIA JODLBAUER