Überschattet von den Kürzungen der freien Szene in der Steiermark, dem Radikal-Umbau des Kulturkuratoriums und angekündigten Protest-Kundgebungen rückt das Festival des österreichischen Films von 27. März bis 1. April in Graz näher: Zwei Programmpunkte in der zweiten Ausgabe der Intendanz von Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar wackeln noch. „Wir wissen noch nicht, ob die Filmvermittlung wie geplant stattfinden kann“, sagt Slanar. Es fehlen 6000 Euro von der Abteilung Bildung und Jugend sowie 4000 Euro für den Preis der Jugendjury nebst – derzeit noch – Gelder vom Bund. Hinweis: Man könne „auch für die Diagonale spenden“.

Filmisch „vorglühen“ schon vor der Eröffnung

Eröffnet wird das Festival traditionell im temporär größten Kinosaal des Landes in der List-Halle sowie zeitgleich einem Zweit-Screening im Annenhofkino: Es ist ein Heimspiel des Grazers Florian Pochlatko für seinen wilden Berlinale-Film „How to Be Normal and the Oddness of the Other World“. Festival-Aficionados können davor erstmals am Nachmittag filmisch „vorglühen“ – mit dem Carte Blanche-Film der mit einer eigenen Reihe bedachten griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari: der surrealen Klassensatire „The Shepherds of Calamity“ von Nikos Patatakis sowie Juri Rechinskys Doku „Dear Beautiful Beloved“.

Die Pole des Programms beschreibt das Duo wie folgt: „kritische Standortbestimmung, subversive Komik und mit dem Roadmovie auf Kurs Richtung Veränderung“. Das Land und seine Identitätsmodelle werden in vielen Arbeiten „scharfsinnig unter die Lupe genommen“, so Kamalzadeh.

„Noch lange keine Lippizzaner“ von Olga Kosanović 
„Noch lange keine Lippizzaner“ von Olga Kosanović  © Stadtkino

Die vielfach preisgekrönte Filmemacherin Olga Kosanović dokumentiert in „Noch lange keine Lippizzaner“ ihr eigenes Staatsbürgerschaftsansuchen, Paul Poet wirft sich mit „Der Soldat Monika“ in die Schlacht politischer Grabenkämpfe und porträtiert die Ex-Soldatin, Transfrau Monika, die sich Transrechte einsetzt und (neu)rechte Positionen vertritt. Lisa Polster widmet sich in „Bürglkopf“ dem gleichnamigen Rückkehrzentrum in Tirol und Mwita Mataro und Helmut Karner porträtieren in „Austroschwarz“ schwarze Menschen in diesem Land.

Der zweite Film von Alexandra Makarová, „Perla“, beschwört die Kraft der Veränderung
Der zweite Film von Alexandra Makarová, „Perla“, beschwört die Kraft der Veränderung © Stadtkino

Im Spielfilmbereich warten einige Weltpremieren aufs Festivalpublikum: Pia Hierzegger stellt ihr Regiedebüt „Altweibersommer“ mit u.a. Diana Amft und Ursula Strauss in Graz vor. Sie erzählt in ihrem emanzipatorischen Campingtrip von drei Freundinnen, der Diagnose Krebs und dem Ausbruch an den Lido. Evi Romens „Happylend“ skizziert die Heimkehr einer Musikerin (Andrea Wenzl) nach bescheidener Karriere in die Provinz und in Isabella Brunäckers Roadmovie „Sugarland“ packt Iga den Engländer Ethan ein – mit überraschendem Ausgang.

ORF-Premieren

Auch drei hochkarätig besetzte ORF-Filme feiern ihre Kino-Premiere in Graz: Marie Kreutzers zweiter Landkrimi „Acht“ mit u.a. Regina Fritsch, Hilde Dalik und Verena Altenberger, Thomas Stipsits beehrt mit „Uhudler-Verschwörung – Ein Stinatz Krimi“ unter der Regie von Daniel G. Prochaska Graz und in David Wagners (“Eismayer“) Osttirol-Landkrimi „Schnee von gestern“ sind Marlene Hausner und Simon Morzé zu sehen.

An internationaler Strahlkraft mangelt es dem heimischen Film traditionell nicht. Viele Diagonale-Filme 2025 reüssierten bei Festivals: „Bluish“ von Lilith Kraxner und Milena Czernovsky gewann den Großen Preis beim FIDMarseille, Kurdwin Ayubs „Mond“ räumte in Locarno ab, Marie Luise Lehner mit „Wenn du Angst hast . . .“ bei den Teddy Awards der Berlinale, die Filme von Alexandra Makarová (“Perla“), Daniel Hoesl (“Un gran casino“) und Norbert Pfaffenbichler (“The End“) wurden in Rotterdam uraufgeführt. Erfolgsstorys wie diese lassen sich zuhauf aus dem Programm herauslesen.

„News from Home. 18.8.88“: Elfriede Jelinek kommentiert in Valie Exports Film Nachrichten
„News from Home. 18.8.88“: Elfriede Jelinek kommentiert in Valie Exports Film Nachrichten © sixpack film

Lustig könnte es bei der Filmgeschichte-Schiene „Österreich – Eine Satire“ werden, die das satirische, Filmschaffen von 1976 bis 1989 beleuchtet und „dem Schauerlichen der Geschichte mit spöttischem Grinsen“ entgegentrete mit u.a. der wahnwitzigen Behördengroteske „Jetzt oder nie“ von Peter Patzak oder in Valie Exports Film „News From Home: 18.8.88“, in dem Elfriede Jelinek die Nachrichten kommentiert. Unter dem Titel „Aus dem Giftschrank“ thematisieren Brigitte Mayr und Michael Omasta das toxische Erbe der Wien-Film und beleuchten den problematischen Umgang mit dem Nazi-Filmerbe u.a. mit Gustav Ucickys Propagandafilm „Heimkehr“ und dem experimentellen Vorfilm „Heimkehr. Wien 1941/1996 – Geordnete Leidenschaften VII.“

Filmemacherinnen vor den Vorhang!

Eigene Positionen sowie ihren Filmen ist der österreichischischen Filmemacherin Ivette Löcker sowie der griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari. Und der im November verstorbenen gebürtigen steirischen Filmemacherin Katharina Copony ist eine kleine Hommage gewidmet.

Herzstück des Festivals ist der Wettbewerb mit 113 Filmen, insgesamt werden Preise um 127.000 Euro vergeben. Die Preisgala geht heuer erstmals am 31. März im Annenhofkino über die Bühne. Der Publikumspreis der Kleinen Zeitung folgt am 1. April.